Triptychon


Bild 1


Ein Kirchenschiff und die diskutierenden Bewohner eines Dorfes, auf das zu schließen ist, weil wir durch ein Fenster im Hintergrund eine hügelige Landschaft im Mondschein sehen. Im Fenster keine Häuser, Laternen oder anderes städtisches Inventar, im Fenster auch die schwarze Silhouette eine Windrades nah am Horizont. Das Gespräch der Bewohner erkennen wir an ihren Haltungen zueinander, ein Thema von genügend Dringlichkeit ihnen den eigentlich fälligen Schlaf abzusprechen und sie dem Altar den Rücken kehren zu lassen. In der Erinnerung an solche Räume klingt der Hall des Gemurmels vor einem Gottesdienst oder vor einer Trauerfeier, auch die Stimmen von Angehörigen, mit dem Mikrofon verstärkt, weltlich, um etwas Pathos bemüht und darum, nicht verloren zu werden. Die Diskutanten sitzen in den hölzernen Bänken beinahe geräkelt, quer und schräg zur vorgesehenen Richtung, wo das Schema eines Kruzifixes aus dem Bildrand nach oben verschwindet ins dunkle Kirchenschiff. Die Gemeinde selbst im dramatischen, dabei improvisierten Licht eines Baustrahlers auf gelbem Stativ, sein Kabel am Boden verschwindet in einer Klappe aus Stein. Man trägt die alltägliche Kleidung einer Region zwischen 48 und 54 Grad Nord, vom Nullmeridian nur so viele Grade in den Osten reichend, dass jeder weitere Schritt Armut und klapprige Korruption verheißen würde, etwa 7 bis 14 Grad. Nur einer unter den Dorfbewohnern ist geschäftsmäßig gekleidet, der Pfarrer oder Wirt im Gotteshaus. Sein Engagement ist zuhörend, vielleicht seine aufgeschreckten Gäste zu moderieren.


In deren Gesichtern Augen, die über einer Aufregung, oder einer Frage ihre Müdigkeit vergessen haben mögen. In manchen Augen auch das Feuer einer erkannten Aufgabe oder Lösung, der Wunsch, dem kommenden Tag vorbereitet und mit einem Plan an der Hand entgegenzutreten. Im Blick des Pfarrers eine böse Gewissheit, noch hinterm Berg gehaltene, aber im Sinn des Geistlichen unausweichliche Grausamkeit, als könnte er jeden Moment anheben, etwas über Opferung zu sagen oder darüber, jemanden aus gnadenvollem Motiv erschlagen zu müssen. Aus dem Dunkel einer anderen Erinnerung spricht etwas in unserer Stimme, sagt, manches Leid könne nur auf den Tod als sein Ende hoffen. Ein paar der Anwesenden scheinen sich für etwas zu schämen, ohne Aussicht auf Abhilfe, einzig, dass der Fortschritt Erlösung bringen könnte oder der Frühling in zwei Monaten. Einige andere haben trotzig die Arme vor ihren Brüsten verschränkt, sie mögen das Thema der nächtlichen Runde nicht, es ist nicht klar worin ihr Beitrag besteht, außer eben im Zeigen ihrer Haltung.


Eine leuchtende Tabelle im Schoß einer jungen Frau, auf der Aktentasche eines vielleicht 40-Jährigen das Logo eines Tiefbauunternehmens. Keine Antwort auf die Frage, warum er diese Tasche mit in die Kirche gebracht hat und welches Geschäft er zu machen hofft. Auf einem Nebenschauplatz und im Schatten der Diskutanten – man bemerkt sie erst nach deren Musterung: eine Gruppe von Kindern die Materialien zum Verpacken und für Reinigungszwecke sortieren. Säcke und Planen aus Plastik, Klebebänder, Gummihandschuhe auch, Schutzmasken für Mund und Nase, mehrere Kanister mit einer Flüssigkeit und einem roten Kreuz darauf. Ein Junge notiert etwas in sein Schulheft, ein Mädchen hält sich mit Daumen und Zeigefinger die Nase zu, hinter den Kindern in Dunkelgrau: Schemen von Benzinkanistern.


Bild 2


Ein Acker in hügeliger Landschaft, wenig nach Sonnenuntergang. Am Horizont, hinter einer dunklen Masse die einen Wald bedeutet, ragt ein weißer, graziler Keil schräg nach oben und in den Himmel hinein oder zumindest auf dessen Existenz zu verweisen. Auf einem alten Baum links an einem schmalen, aber asphaltierten Weg, sitzen zwei Kinder, sie haben den untersten der mächtigen Äste erklommen und bis zum Abendbrot, oder ihrer Vertreibung für sich erobert. Ihre Gesichter können wir nicht erkennen, aber dass sie einander bei den Händen halten und dass sie das ein oder andere Gefühl dort oben und in dieser händischen Umarmung später mit Liebe benennen werden. Der Baum eine Linde, den Ausmaßen nach 500 oder mehr Jahre alt und somit Zeuge – oder besser: beistehend – mehrerer Zeiten. Schichten von Holz tief im Stamm haben Reiter gesehen und brennende Hexen, gepfiffene Melodien gehört, gejohlte und getrommelte, an andere Schichten standen Liebende gelehnt, schwitzend und sich rhythmisch an der Rinde reibend, das Holz hat im Brummen von Motoren vibriert und Donner von Geschützen. Später dann der fistelnde Klang an- und abschwellender Schlager aus den Radios vorbeifahrender Förster. Von ihrem Ast aus blicken die zwei Kinder auf einen Jäger im Acker oder auf Einen, der seinem Hut nach, der Jacke, der Hose und der Verteilung von Taschen auf beiden nach zur Jagd bereit sein muss. Ein Mann mit dichtem, braunem Bart, er hält etwas leuchtendes in der Hand, notiert darauf die Toten im Feld, Anzahl und Lage der Boote, oder er sucht Ablenkung davon, indem er Freunden und Bekannten, vielleicht der übrigen Welt von der Katastrophe berichtet. Seine Waffe fehlt, er hat sie gegen diese neue Aufgabe und gegen dieses Instrument in seiner Hand eingetauscht. Aus dem Acker ragen gekenterte Schiffsrümpfe aus Holz, weiß lackiert, blau, ein bisschen rot auch, erschlaffte Schlauchboote aus schwarzem Gummi, wir wissen: solche Kähne gibt es weit südlich von solcher Landschaft. Die Leiber der Toten schmiegen sich in ihren Farben an die aufgebrochenen, speckigen Schollen, vor allem braun, etwas grün auch und ein bisschen blau. Ihre Kleider säumen das Feld mit bunten Tupfern, sind der Schwere des Ereignisses nicht angemessen, wurden vor kurzem oder auf einem anderen Bild durch einen sonnigen und einen verregneten Tag in einer fernen Stadt getragen, vielleicht durch eine Nacht. Zeugnisse von Mode und vom Willen, zu gefallen, unvorbereitet für einen Tod oder für diesen Tod. Vielleicht ist das irrig und es sind Requisiten eines tödlichen Alltags. Ein gefälschte Gucci-Jacke als Totenhemd, Jogging-Anzüge, Röcke mit praktischen Taschen, Turnschuhe und Sandalen an grotesk abgewinkelten Füßen. Plastiktüten, an den Henkeln zugeschnürt, rosa, hellgrün, weiß, sie treiben prall gefüllt auf einem Meer aus frisch gedüngter Erde. Die Leiche zu Füßen des Jägers liegt mit dem Oberkörper auf den Schollen, Becken und Beine scheinen im Acker untergetaucht oder sie fehlen. Der Körper muss beim letzten Pflügen mit der Erde gewendet worden sein oder ein Fehler in der Oberfläche dieser Gegend lässt ihn auf dem Feld treiben wie auf Wasser.


Bild 3

Ein Dorf auf den Wogen tertiärer Hügel oder auf einer gewellten Anomalie der sonst besonders flachen Schrägen alter Moränen. Zwischen Autobahn im Vordergrund und Windrad im Hintergrund diese Ortschaft, ermöglicht von einer Kreuzung vierer Feldgrenzen und eines Rinnsals, vielleicht auch deren einstige Bedingung und vor dem hiesigen Ackerbau dagewesen. Weizen, Mais, Mais, Raps arbeiten sich zum Himmel, das Dorf in der Nachbarschaft eines Wäldchen zur Erinnerung an die Natur oder doch für Feuerholz, Schauverbrennungen in den Wohnzimmern. Vielleicht ist der Wald wie der kleine Ort selbst mehr aus Nostalgie übriggelassen, als aus sachlichem Zwang. Eine Kirche und ein Supermarkt, wir sehen den Wagen eines Handwerkers das Dorf verlassen, ein Klempner der ein Klo gerichtet haben mag oder einen Mangel im Außenbereich.


Die Häuser des Dorfes unterscheiden sich nicht in ihrer Gestalt, unserer Kenntnis nach bloß in den Unterschriften auf ihren Hypotheken. So geht das Dorf an seinen Rändern auch keinen Übergang mit seiner Umgebung ein. Es geht nach innen. Aus einem Fenster an solchem Rand schaut ein Kind auf die Autobahn oder zu uns. Für die Zeit des Bildes oder unserer Betrachtung herrscht auf der Straße Leere, wir befinden uns in einer sekundenlangen Lücke zwischen vorbeirollenden Lastwagen und Kleinwagen. Zwischen den Gliedern einer Kette: Nichts, außer der Gewissheit des nächsten, alles zermahlenden Gliedes. Eine Erfahrung die auf das Bild übertragen werden darf besagt, dass solche Glieder sich selbständig wägen, mit der mehr oder weniger freien Wahl ihrer Geschwindigkeit und der Bewegungen nach links oder rechts in die Hohlräume die ihr Zusammenhang bietet.


Das Windrad im Hintergrund steht allein, ob es eine Laune der Gemeinde war, oder ihm ein Verband mehrerer Windräder folgen wird, ist ungewiss. Es steht alleine, aber behütend über der Landschaft, wie eine Gottheit, der sich ihre Bewohner verschrieben oder die sie sich erdacht haben. Es schützt ihr Gewissen, ist ihr Tribut an einen Zusammenhang, in den ihr Rad einspeist. Es verbindet die Landschaft und das Dorf mit einem Himmel, der sein Blau hinter einer bleiernen Wolkendecke verborgen hält. Eine Linde links hinten, aber noch vor dem Horizont hat ihr buschiges Blattwerk dem nahegelegenen Bildrand zugeneigt, dort ist Osten weil ein Westwind geht. Die Linde ist in gewaltigen Ausmaßen angelegt, würde viel gesehen haben, der gezeigte Tag würde kaum Spuren in ihren Ringen hinterlassen. Die Linde wird noch vieles mehr sehen und Generationen von Dorfbewohnern überdauern, es sei denn im Himmel wäre ein Blitz versteckt, der sie dahinraffen sollte.

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3. Hase / Raumschiff / Gestalten am Zaun

Im Morgengrauen eines vergangenen Sommertages war ich zusammen mit meiner Mutter in der Küche gesessen. Wir hatten Tassen mit Kaffee in den Händen, Große Tassen mit Filterkaffee, weil es auch darum gegangen war, sich aufzuwärmen. Vor uns auf dem Tisch stand mein Laptop, auf dessen Bildschirm haben wir in einen Raum mit viel Teppichboden geschaut und mit sitzenden Gestalten, die Gesichter im Schein von ihren Monitoren. Ein Raum der Nasa in den Vereinigten Staaten. Bei uns zu Hause sollte es im Verlauf des angefangenen Tages warm werden, aber noch haben wir gefröstelt, die Müdigkeit noch nicht weggetrunken, oder uns nicht an sie gewöhnt. Bei den Leuten von der Raumfahrtbehörde war es später Abend oder frühe Nacht, bei uns kurz nach sechs Uhr morgens, als die Marslandung stattfinden sollte. Das war ein Live-Verhältnis, zwischen uns und den Amerikanern. Zwischen uns allen und dem Mars war die Gegenwart um 13 Minuten und 48 Sekunden in die Länge gestreckt, das war kaum auszuhalten (an der Wallstreet ist mal ein Glasfaserkabel ausgegraben worden, man hat es um wenige Meter versetzt, um sich beim Datenfluss Vorsprünge im Nanosekundenbereich zu verschaffen). Meine Mutter und ich haben den jungen und mittelalten Leute und überwiegend Männern zugesehen, wie sie dasaßen, in Reihen gestaffelt, hinter wulstigen, schwarzen Wänden mit Monitoren drin und so hoch, dass die Sitzenden gerade noch die Hinterköpfe derer vor ihnen im Blick hatten. Wie in einem Hörsaal, oder eben wie in einem Kontrollzentrum war das vorderste Pult entgegen der übrigen Richtung aufgestellt, so dass die Chefs des Unternehmens die Frisuren ihrer Angestellten von vorne sehen konnten. So arrangiert, als gäbe es das noch, vorne, und als wäre es wichtig, dass unterhalb einer bestimmten Karrierestufe alle in eine Richtung schauten. Um eine kollektivere Anteilnahme im Raum herzustellen, einen gemeinsamen Ehrgeiz aller Mitarbeiter, waren an einer Seitenwand links von den Chefs, also rechts vom Rest, drei große Bildschirme angebracht, ein gemeinsamer Blick aufs Geschehen. Zwei der Geräte waren mit Kolonnen von Zahlen und Kurven belegt, auf dem mittleren wechselten sich zwei Filme ab, beide von einem Computer animiert: einmal die ockerfarbene Oberfläche des Planeten und eine Darstellung des Raumschiffs im Anflug, von hinten gesehen, aus der Perspektive des dicht aufgerückten Verfolgers. Der andere Trickfilm von derselben Oberfläche, diesmal aus Sicht des Fahrzeugs und so, als säßen die Ingenieure und wir da mit an Bord. Unter den beiden Animationen wurden Messwerte zur Geschwindigkeit, zu verschiedenen Zeiten, Geschwindigkeiten, Temperaturen und zur Höhe eingeblendet, im Stil analoger Halbkreise, also rund, mit Zeigern und mit arabischen Ziffern. Die Werte waren nicht zur Zierde da, sie waren von Bedeutung für die Leute im Kontrollraum. In unserer Küche war die Kälte der Anteilnahme gewichen. Ich wollte das Geschehen mit der Kamera in der Hand filmen, allerdings ohne meine Anwesenheit, oder die der Mutter. Es war mir der Aufzeichnung gegenüber peinlich, wenn ich gewackelt hatte und es war mir peinlich, dass meine Mutter in ihrer Aufregung und mit verschlafener Stimme – jungfräulich an diesem Tag – Kommentare abgab und mir Fragen stellte. Ich wollte nicht, habe dann aber flüsternd geantwortet, auch bemüht um einen mürrischen Ton, kein weiteres Gespräch zu befördern.

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(zu viel zu klein)


Wir sind dabei, als sich um das gemalte Raumschiff ein weißer Dunst bildet, das war die Hitze beim Eintritt in die Atmosphäre. Wir können zusehen, wie sich eine Frau mit einer Fernsehkamera auf der Schulter an den Pulten entlangtastet und den jeweils aktivsten Arbeitsplatz einer Phase des Projektes filmt. Angespannte Gesichter mit irrem Grinsen, von der Sorte die sich einschleicht, wenn alles auf eine Karte gesetzt ist. Lange, graue Haare mit grauem Bart, eine gelverstärkte Rockabilly-Frisur, ein Irokesenschnitt, mehr Männer als Frauen, obwohl das Vorne im Raum verwaschen ist. Zwei Herren, die sich über einen dritten hinweg beglückwünschen, als der Film neben ihnen zeigt, der Fallschirm sei planmäßig entfaltet. Der Programmleiter ist aufgestanden und geht unruhig einen Meter hin und einen Meter her, er tigert wie im Käfig. Wir sehen auf dem mittleren Bildschirm und im Hintergrund unseres Ausschnittes, dass wohl ein käferartiges Ding an einer Schnur von einem hummelartigen Fluggerät herabgelassen wird, dann stockt das Bild. Der Leiter – es ist der Rockabilly-Typ – zeigt auf einen seiner Mitarbeiter und fragt ihn etwas, dann auf einen anderen, den er auch etwas fragt und auf einen dritten, von dem er ein Handzeichen bekommt. Meine Mutter und ich begreifen, dass sich gleich etwas entscheiden wird, das heißt, dass man auf ein siebeneinhalb Minuten altes Ergebnis wartet. Dann werden die Monitore an der Wand neu belegt: links Zahlen, rechts jetzt der Trickfilm von der Landung und in der Mitte eine weitwinkelige Aufnahme vom Kontrollraum. Der Leiter ballt seine rechte Hand zur Faust, sagt etwas von „touchdown“ und reißt die Faust samt Ellbogen in Richtung Hüfte. Der Trickfilm zeigt ein heil gelandetes Fahrzeug mit sechs Rädern, unser Monitor zeigt den Raum voller jubelnder Ingenieure.
Inzwischen war es längst hell draußen, waren die Mutter und ich wach und bereits am Schwitzen.

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„Der Islam kennt den Höllenbaum Zakkum, dessen Früchte die Köpfe von Teufeln sind, und aus den Märchen aus „Tausendundeiner Nacht“ sind die Bäume der Insel Wakwak berühmt geworden, Bäume mit Menschen- und Tierköpfen.
(…)
Dieser Ausdruck mag etwas burschikos klingen, aber der elamischen und mesopotamischen Bildschöpfungskraft waren kaum Grenzen gezogen. Auf einem assyrischen Siegel finden wir die Personifizierung einer ganzen Landschaft.
(…)
Eine besonders eigentümliche Mischgestalt der frühdynastischen und Akkadsiegel ist der Bootsmensch oder das Menschenboot, wie Frankfort erklärt, ein wesenhaftes Fahrzeug des Sonnengottes Schamasch.“

*

„Es war einmal ein Hühnchen und ein Hähnchen, die wollten zusammen eine Reise machen. Da baute das Hähnchen einen schönen Wagen, der vier rote Räder hatte, und spannte vier Mäuschen davor. Das Hühnchen setzte sich mit dem Hähnchen auf, und sie fuhren miteinander fort. Nicht lange, so begegnete ihnen eine Katze, die sprach ‚wo wollt ihr hin?‘, Hähnchen antwortete

‚als hinaus
nach des Herrn Korbes seinem Haus.‘

‚Nehmt mich mit,‘ sprach die Katze.
Hähnchen antwortete ‚recht gerne, setz dich hinten auf, dass du vornen nicht herabfällst.

Nehmt euch wohl in acht,
dass ihr meine roten Räderchen nicht schmutzig macht.
Ihr Räderchen, schweift,
ihr Mäuschen, pfeift,
als hinaus
nach des Herrn Korbes seinem Haus.‘

Danach kam ein Mühlstein, dann ein Ei, dann eine Ente, dann eine Stecknadel, und zuletzt eine Nähnadel, die setzten sich auch alle auf den Wagen und fuhren mit. Wie sie aber zu des Herrn Korbes Haus kamen, so war der Herr Korbes nicht da. Die Mäuschen fuhren den Wagen in die Scheune, das Hühnchen flog mit dem Hähnchen auf eine Stange, die Katze setzte sich ins Kamin, die Ente in die Bornstange, das Ei wickelte sich ins Handtuch, die Stecknadel steckte sich ins Stuhlkissen, die Nähnadel sprang aufs Bett mitten ins Kopfkissen, und der Mühlstein legte sich über die Türe. Da kam der Herr Korbes nach Haus, ging ans Kamin und wollte Feuer anmachen, da warf ihm die Katze das Gesicht voll Asche. Er lief geschwind in die Küche und wollte sich abwaschen, da spritzte ihm die Ente Wasser ins Gesicht. Er wollte sich an dem Handtuch abtrocknen, aber das Ei rollte ihm entgegen, zerbrach und klebte ihm die Augen zu. Er wollte sich ruhen und setzte sich auf den Stuhl, da stach ihn die Stecknadel. Er geriet in Zorn, und warf sich aufs Bett, wie er aber den Kopf aufs Kissen niederlegte, stach ihn die Nähnadel, so dass er aufschrie und ganz wütend in die weite Welt laufen wollte. Wie er aber an die Haustür kam, sprang der Mühlstein herunter und schlug ihn tot. Der Herr Korbes muss ein recht böser Mann gewesen sein.“

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Im Morgengrauen sieht man oft Hasen im Park, mitten auf der großen Wiese. Eigentlich sind das Kaninchen, aber für solche Details interessiere ich mich nicht. Es hat Hasenform und solange es kleiner ist als ich und größer als eine Teetasse, ist es ein Hase. Können Hasen stehen? Nein. Können sie sitzen? Auch nicht. Liegen ja, aber nur im Schlaf und im Tod. Das sind Fluchttiere, die warten ab, sie wollen nicht weg, sie kennen aber nichts anderes. Ihren Bau kennen sie, nur gibt es da nichts zu essen außer ihresgleichen und wirklich weg können sie auch nicht, sie können nur laufen und sich verstecken. Der Nebel schwebt knapp über den Wiesen, in den Kronen junger Bäume und einer dieser Hasen hat sich rausgewagt . Er wartet auf einen anderen Hasen um sich zu paaren, oder er wartet auf seinen Tod in Form eines Vogels oder Fuchses. Vielleicht frisst er etwas Gras, hält inne wenn er mich hört, stellt die Ohren auf und versucht zu erkennen, was da kommt. Dann bleibe ich stehen, bin still, blase Rauch in den Morgen. Ich sehe Tautröpfchen auf dem Fell des kleinen Tieres, die pelzige Schnauze zuckt im Rhythmus seiner Suche und ich denke an unsere Raumschiffe. In die kann ich sowenig reinschlüpfen, wie in den Hasen. Das heißt, ich könnte es schon, hätte aber nichts davon. Ich habe in den beiden nichts zu suchen, obwohl ich da was verloren habe – meine Fantasie. Das ist klar und jetzt stehe ich hier und finde das seltsam. Ich halte das nicht für einen Fehler, es fühlt sich an wie ein Fehler. Wie eine Selbstverständlichkeit, die über Nacht und während ich geschlafen habe unmöglich geworden ist. Selbstverständlich, weil unsere Apparaturen mich natürlich mühelos auch mit einem Karnickel verschränken könnten, oder mit einem Stück Raumschiff. Weil das ziemlich sicher jede Fantasie zu so einer Vermählung enttäuschen würde, weil die Welt des Hasen niemanden wirklich interessiert und die Wahrnehmung eines Stücks Blech im All bei einer Reihe von Sensoren in besseren Händen ist, lässt man das bleiben.
Der Fehler lässt sich nicht so leicht fassen, geht unter die Haut, das zerrt am Selbstbewusstsein. Die Haut steht hier auf einem gemähten Teil der Wiese, im kühlen bis kalten Herbstmorgen, mit der Kippe im Mund, den Kragen hochgeschlagen, die dünnen Sohlen der dünnen Lederschuhe zu dünn für unser Klima und durchnässt. War schlaflos und bin das Treppenhaus runtergeschlichen, mir das anzuschauen, den Park, das schlossartige Institut. Einfach um dazustehen, wie ich es jetzt tue und mich dabei zu beobachten, wie ich die Haltung von beneidenswert konsequenten, das heißt entschlossenen Personen annehme. Ein Bein leicht nach vorne ausgestellt, das Becken ein bisschen zur Seite geknickt und in unangemessener Kleidung, alles zu dünn, das Hemd offen bis zum Brusthaar. Nicht dafür gemacht, dass das hier echt sein soll. Vielleicht dafür gemacht, mir einen Rausch aus dem Blut zu spazieren, oder um vor mir selbst gut dazustehen und so wie ich es von schmeichelhaften Fotos her kenne. Auch zu rauchen und eine Miene zu ziehen, die gefasst auf die nächsten Schritte blickt, selbst wenn dieses Programm das Ziel verfolgt, meine Substanz zu zersetzen. Da liegt der Fehler: „selbst wenn“. Darum geht´s doch, der Aufbruch ins Allerkleinste. Ich will übersiedeln in die Orientierung von Elementarteilchen – ich up, Hase down –, kann mich da aber nicht reinversetzen, wäre lieber ich, wie ich hier stehe und im Gewand vom Hasen, oder vom goldbedampften Kästchen.
Das Gefühl hat einen Fehler: die Welt ist klein und handlich gemacht worden und jetzt fehlt mir und meinen Händen der Zugriff. Was wir uns da gebaut haben, können nur noch die zarten Berechnungen einiger Programme, oder die Fühler von Robotern befummeln. Gleichzeitig müssen wir damit leben, es hier auszuhalten, zumindest noch eine Weile lang. Ich jetzt hier und nicht woanders, zum Beispiel in Duisburg und da komme ich auch so schnell nicht hin. Zumindest nicht so sehr, dass ich da eine Bockwurst essen könnte. Wir haben Raum und Zeit zusammengefaltet und unseren Verbleib nicht recht geklärt.

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(Wiese, Fuchs und Hase)

Die Raumschiffe der neueren Generation sind nur noch so groß wie eine Weinflasche. Sie können höchstens eine Streichholzschachtel mit an Bord nehmen, das sind keine Schiffe mehr. Das ist so wenig ein Ausweg, wie der Wunsch ein Tierchen zu sein, oder eben die Tendenz zu diesem Hasen da vorne in der Wiese. Wohin es auch geht, wir werden hier zurückbleiben und unsere durstigen Nachbarn drängen hoch zu uns, rütteln an unseren Zäunen. Es gibt da diese bekloppten Filme und Spiele, die das anders darstellen. Da haben sie es nicht über den Zaun geschafft und uns sind Bärte gewachsen, während wir uns die Schamhaare schneiden und zur Natur zurückkehren. Dort dann Freundschaft mit den Tieren, Wanderungen, Hand in Hand mit irgendwelchen Herden durch überwucherte Ruinen und verseuchte Steppen. Aber was kümmert schon ein Reh der Tumor in seinem Bauch. Auch Filme von Fahrzeugen, die das Ruhrgebiet oder mindestens einen Villenvorort als Ganzes in sich vereinen, die mit blau oder grün glimmenden Motoren geschäftig von Stern zu Stern ziehen und sich mit Problemen der Zukunft herumschlagen. Das ist so sehnsüchtig. Ich habe und meine Fantasie hat eine Sehnsucht danach, notwendig zu sein, eine Bedingung zu sein. Diesen gebrechlichen Körper mit all seinen Haaren und Flüssigkeiten nicht vergebens durchs Leben zu schleppen, sondern weil dieser Park hier mich braucht und ich ihn. Man muss sich doch irgendwo befinden, damit das da irgendwo wirklich ist und ich wirklich bin. Währenddessen friere ich an den nassen Füßen und jemandem mit dem ich Karten spielen könnte, brennen die Sohlen im Wüstensand.
Das ist dann wohl die Ausbildung – den Fehler im Gefühl zu korrigieren, das Gefühl zu korrigieren und nicht von mir auszugehen, wenn der Fuß da unten friert. Ich und der Hase und wahrscheinlich noch ein Duzend anderer Tiere, die ihm nachstellen und von denen ich nichts mitbekomme, der kleine da drüben aber schon. Das geht in so eine Richtung und ich kann´s doch nicht spüren. Die Gruppe professionell untergehender Frauen und Männer dagegen, die sich im Bauch einer Computersimulation mit letzter, gespielter Kraft gegen eine unbezwingbaren Schar von ebenfalls zu Bildern gerechneten Problemen stemmt und das alles in der mörderischen Leere eines programmierten Weltalls, sowas rührt mich zu Tränen. Nicht weil die Figürchen auf der Leinwand alle sterben müssten. Es scheint da so um Abschied zu gehen, um Verlust, aber das ist es nicht. Ist ein getrickstes Mahnmal für den eigenen Körper. Kitschige Hoffnung, dass es uns auch in 50 Jahren noch geben möge. Auch ein Traum von anderen Verderben, als den Verfügbaren.

Ein Specht maschinengewehrt eine Höhle in einen Baum Die Zigarette ist aus, hier stehen zu bleiben ist machbar, aber es macht nicht glücklich. In den Wald gehen auch nicht, nicht im Nebel. Angst beim Gedanken an den Zaun, da schlummert dieses ganz alltägliche Verderben, dass eines Tages oder heute morgen die ersten Gestalten erscheinen und dran rütteln werden. Also bleibe ich doch stehen, ziehe aber immerhin die Schuhe aus. Die wärmen eh nicht und ich will unter solchen Umständen lieber die Wiese spüren, als glattes, nasses Leder. Das Problem mit dem Übel ist ja, dass ich zwar akzeptiert habe, es sei notwendig und es gebe kein Entkommen. Dass ich mir in der Not aber nie das anstehende, sondern immer irgendein alternatives Übel herbeisehne. Eben nicht das Übel mit den Fremden am Zaun, von deren Problemen wir sowenig spüren, wie sie von unseren, die aber bald Gerechtigkeit von uns einfordern werden.
Bevor ich hierher gekommen bin, habe ich mich zum Beispiel öfters mit einem Jungen aus dem Süden getroffen. Das war eigentlich ganz real und Abends war ich müde. Er war es nicht, er saß immer bis morgens da und war froh, dass er es geschafft hatte über so viele Breitengrade nach oben zu kriechen. Ich war froh mit jemandem am Feuer zu sitzen, der erst vor kurzem um sein Leben gerannt war. Das war echt, ich habe mir gedacht, der Krieg ist zu uns vorgedrungen und wahrscheinlich hat das gestimmt. Froh, dass das so wirklich war. Eines Tages war der Junge nicht mehr so froh – man hatte einen Freund von ihm erschossen. Ich habe den Jungen dann gemieden, weil ich seine Trauer nicht gespürt habe, nur meine Vorstellungen über mich in seiner Heimat. So ein Ausflug dahin war abenteuerlich, aber Sympathie oder Mitleid, das ist etwas Anderes. Ich bin mir dabei selbst wie eine Simulation vorgekommen. Den Jungen habe ich schnell vergessen, aber mich nicht. Ich wollte der Sache nachgehen, also bin ich im darauffolgenden Urlaub besonders umständlich und langwierig auf mein Reiseziel zugefahren. Mit Bussen und Zügen, zu essen nur Kekse, tagelang nicht die Zähne geputzt und eine völlig zerfledderte Klorolle im Gepäck. Anstatt eines Computers hatte ich ein Notizbuch und einen bald stumpfen Bleistift dabei. So hat sich tatsächlich das Gefühl eingestellt, ich hätte etwas hinter mich gebracht, ich, 1 Meter 80, 69 Kilo, hätte einen Raum durchmessen. Nur war es ja meine Entscheidung gewesen, das so zu machen, ich hätte auch anders gekonnt. Es genügt nicht, den Fahrplan durcheinander zu wirbeln, man müsste sich schon wirklich in Schwierigkeiten bringen, in eine bedrohliche Situation, aber das traue ich mich dann auch wieder nicht. Solange ich mich dazu entscheiden kann, was ich tue, hat das immer etwas Künstliches an sich – man streift dann durch eine von so und so vielen Möglichkeiten. Es soll bitte ohne meine Entscheidung geschehen und dann soll es immer etwas anderes sein, als das was geschieht. Ich werde mit dem Programmleiter darüber sprechen müssen.

Da im Wald, auf der anderen Seite des Bachs schlummert der Zaun. Die Gestalten sind unterwegs zu ihm und tatsächlich übel wird es, weil das Wasser knapp ist und weil wir das Gerangel darum verlernt haben, sie aber nicht. Das Kaninchen hat für solche Details nichts übrig, es hat sich gerade dafür entschieden, dass es wohl nicht in Gefahr sei. Wasser, Raumfahrt, echt und falsch, das ist ihm egal. Es schüttelt den feuchten Film aus seinem Fell, bellt einmal den Morgen an, bellt nochmal, dann wendet es sich dem Wald zu und hoppelt gemächlich davon. Und seine Jäger? Die bleiben weiter möglich, schleichen unsichtbar durchs hohe Gras, relativ sicher tun sie das, oder auch nicht. Im Wald dunkelt es bläulich, der Nebel hängt so tief wie eben noch, im Institut ist nur in den Küchenfenstern Licht. Die Rasenmäher stehen geparkt am Ende ihres Tagwerks: an der Spitze einer der Schneisen durch die Wiese. Ein Wegenetz aus kurzgeschorenem Grün, der Wahrscheinlichkeit zur Folge heute gegen Abend mit Sicherheit vollständig, alle Lücken geschlossen, alles flach. Mir ist kalt, dagegen hilft auch keine Zigarette. Nicht die Sorte Kälte, die in die Ränder der Ohren beißt. Eher die Sorte, die an einem saugt, in allen möglichen Richtungen nach außen, Grad für Grad die Wärme abzieht.

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1. Der Rand des Grundstücks ist verschwommen

Der Rand des Grundstücks ist verschwommen. Da ist Wald, oder zumindest sind da zu viele Bäume, um durchzuschauen und zu sehen, was dahinter liegt. Irgendwo im Unterholz kriecht eine unsichtbare Linie entlang, besagt, dass da Schluss ist und dass da das Nachbargrundstück anfängt. Wildnis gibt es hier nicht, nur Nachbarn, auch wenn die nie zu Hause sind. Man geht durch den Wald und stolpert eher, irrt durch den Rand des eigenen Grundes, oder schon durch den Rand des nächsten. Dünne Äste zerren an der Jacke, verhaken sich in einer Tasche wie ungeschickte Diebe, reißen den Stoff ein, der Boden ist weich, greift nach den Füßen, knackt unter ihnen und knistert. Mitten im Rand bricht der Rand tatsächlich ab, fällt in steilen Klippen ein paar Meter, oder eineinhalb Kleinwagen lang herunter in einen Bach, vielleicht über der Grenze, vielleicht auch nicht, die bleibt ja trotzdem verschwommen.

Da gibt es eine Nische, wo die Felsen im waldigen Uferboden verschwinden. Dort würden sich Liebende treffen, wenn es die hier gäbe und sie hätten das Gefühl, vor irgendwelchen Blicken geschützt zu sein, oder vor den eigenen, die sonst ausschweifen könnten. Der Bach drängt auf einen Fuß in ihm, mindestens auf einen Fuß, eigentlich möchte ich mich ganz da reinlegen, nackt und untergetaucht, mit dem Gesicht nach oben, wie man es aus Filmen kennt, oder aus einem alten Musikvideo. Aber natürlich ist der Bach arschkalt und natürlich sind meine Füße für Socken gemacht und für wasserdichte Schuhe. Das alte Video kennt keine Kälte, es kennt nur das Sofa, oder den Schreibtisch im beheizten Jugendzimmer, die singende Wasserleiche hatte keine Gänsehaut und wurde nicht von hunderten kleiner Fischchen angenagt. Lieber also nichtmal den Fuß reinhängen, lieber nichts anfassen hier, das sich dann eventuell anders anfühlen könnte, als meine Vorstellung davon. Hinsetzen ja, auf eine weiße Plastiktüte – ich habe immer eine davon in der Tasche, immer eine weiße, man kann die dann zur Not am Stock schwenken und sich ergeben. Der Bach plätschert, ich sehe keine Fliegen, oder Spinnen, weiß aber, sie sind da, trage Insekten in meiner Erinnerung, so groß wie ein Fernseher, Härchen von der Dicke einer Pommes, gekachelte, schillernde Augen. Was müsste man tun, um Teil davon zu werden, vielleicht ohne die Grausamkeit unter den Tieren? Mit den Fischen schwimmen, neben der gigantischen Libelle auf dem Blatt sitzen, als untote Schönheit unter dem Wasserspiegel in den Himmel, oder das Blätterdach singen „They call me the wild rose…“. Auch die Liebenden sein, aber ohne Angst vor Verlusten, ohne verlogenes Geheimnis und einander an den Hosenbund gehen, ohne eigentlich recht dringend mindestens pinkeln zu müssen. Ich habe das Gefühl, mein Blick hat Gesellschaft. Ich sitze ganz bestimmt alleine hier in der Nische, aber ich schau mir das nicht alleine an. Vieles in mir schaut mit.

Rauchen, um sich eine Zigarette gedreht haben zu können. Rauchen ist kein Problem mehr, wir dürfen das, müssen nicht mehr durchtrainiert sein für die Reise. Keine Zentrifugen, in denen man auf die Beschleunigung beim Start vorbereitet worden wäre, kein Waschbrettbauch gegen den Schock beim ersten Mal Schwerelosigkeit. Rauchen und Wald, das passt zusammen, rauchen und Bach erst recht. Ich möchte über die Arbeit nachdenken und schmeiße einen Stein an die Felswand gegenüber. Es knackt, platscht, ist echt, das war ich und niemand sonst. Wir sind ja die ganze Zeit am Arbeiten, da kommt man garnicht dazu, sich zu fragen, wohin all die Arbeit geht, oder wo rein. Die Spitze der Zigarette glüht auf, qualmt, knistert, das Knistern kenne ich, es gehört nicht hier hin, oder das hier alles, die ganze Szenerie gehört in etwas Anderes das ich kenne, aber zurück zur Arbeit. Dieses ganze Projekt, die ganze Maloche, das geht nach innen. Rein in einen Glauben an die Sinnhaftigkeit meines, unseres Tuns. Der Rasen wird von Robotern gemäht, die Wäsche machen Maschinen, sogar die Atmung wird einem im Zweifelsfall abgenommen. Und dann sitzt da dieser grauhaarige Abteilungsleiter an seinem Tisch und führt Protokoll, macht Notizen zu meinem Gemüt, vergibt Punkte und hält den Mythos aufrecht, dass man ihm das nicht abnehmen könne, dass sein Gespür und seine Empathie durch niemanden, aber vor allem durch nichts zu ersetzen seien. Arbeit in diesen Glauben und darein, den aufgeklebten Elektroden beim Start und den undurchsichtigen Kästen, Drähten und was nicht allem Glauben zu schenken, dass das – Gott oder der Grauhaarige weiß wie – irgendwelchen Teilchen, oder gar Lebewesen am anderen Ende des Weltalls klarmachen wird: der Mensch am Draht sei in sie gefahren.

Mich hat jetzt etwas verlassen. Der Bach, die Klippen, der Wald, alles noch da, aber mein Blick ist einsam geworden, schaut alleine durch die Gegend. „Realistisch“ vielleicht, „-istisch“, also WIE die Realität. Die Tierfilme und Musikvideos sind abgetrieben, sie sind vom Darübernachdenken verdrängt. Sie waren nicht wie die Realität, sie und ich zusammen, das war real. Mir wird kalt, meinem Blick wird kalt, einsam eben.

In so eine Einsamkeit wird unsere Arbeit auch gesteckt: Wenn wir mal von den Sternen zurückkehren, wer soll uns dann ein Wort von dem abnehmen, was wir zu berichten haben, von unserer Liaison mit der Ferne? Ich werde dort allein gewesen sein, ja sicher, in Gesellschaft der Tierfilme, aber ich werde nichts von dort mitbringen können außer mich und meine Erinnerung an die Fremde. Das was dann sprechen wird – wenn ich denn nach jahrelanger Verkrampfung noch werde sprechen können –, ist die ganze Zeit über im zweiten Stockwerk auf der Station gelegen und hat ins Bett gemacht. Wenn die Ersten von ihren Ausflügen zurückgeholt sind, werden wir Geschichten hören, denen wir nicht mehr Glauben schenken können, als den Berichten antiker Seefahrer: Monster, halb Schwein, halb Schlange und mit sehr großen Brüsten. Wie aus solchen Matrosen, wird es aus den klapprigen Gestalten sprudeln, vielleicht von „fremdem Licht“, „bunten Monden“, von steinerner Einsamkeit und schwachem Halt „irgendwo im Bann des laukalten Sternchens in meinem Rücken“. Die Seefahrer hatten den Vorteil ihrer Zeit, das Wissen war damals biegsamer, gefügiger. Wir werden niemanden haben und keine Epoche, der oder die unsere Aussagen stützt. Zum Beispiel diese Frau von heute Vormittag, Sanne, wird alleine aus ihrer Mission aufwachen, am Tisch des Programmleiters sitzen, vielleicht in einem Rollstuhl, und das Silberhaar wird nicht anders können, als ihre Rede für bare Münze zu nehmen. Er würde sich ja sonst selbst um den Job zu bringen, müsste das Programm für unglaubwürdig erklären und es einstellen.

Auf der Klippe gegenüber knarzt es, ein Ast fällt von einem Baum und verheddert sich im Stacheldraht, das ist die Grenze.

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2. reise zum stern, gebüsch, oder eisklumpen

(Wunderzeichen) Den 23. Juli hat die Sonn den ganzen Tag blaß-roth geschienen / welches ein großes Schräcken zu Statt und Land gebracht.

Den 28. Jul. starb Felix Platerus der weltberühmte Stattarzt zu Basel

(Erbidem) Den 24. Septemb. hat sich widerumb ein erschrocklicher Erbidem zu Basel erzeigt nach mitternacht. Da mit großem braßlen die Erd/ und hiermit alle gebäw von einer Seiten zur anderen erschüttert worden.

(NR. S. Vitus ward vö seinem Vatter ubel geschlagen, daß er die Götzenbilder verachtet; richtet aber nüts aus. Deshalben er ihn mit mancherley lieblichen kuirzweilige Muste und Tänzen mit jungfen töchteren / understund zur Abgötterey zu bereeden)

Es schreibt D. Felix Platerus, libro 1. Obervationum Medico. fol. 87. (welche in disem Jahr ausgegangen) daß in seiner Kindheit ein Dienstmagd allhier zu Basel / mit einer erschrocklichen Tanzsucht / S. Vitz-Tanz genandt / behafftet gewesen sey / welche zum Rupff in Eschemer-Vorstatt zu tanzen von Stattknechten geführt worden. Mit derselbigen nun haben ettliche Starcke Männer / so von der Obrigkeit darzu verordnet warren / in rothen Kleidern und weissen Fäderen auff dem Hut / einer umb den anderen / tanzen müssen / welches vast einen ganzen Monat Tag und Nacht gewähret / ohnangeschehen sie die Fußsolen abgetanzet hatte. Und ob schon sie zu Zeiten gesessen / und vom Schlaaff gerrieben nider sitzen mußte / hat doch ihr Leib immerdar gehupfet / biß daß sie an Kräfften also abgemattet / nicht mehr stehen können. Endtlich aber vom Tanzen nachgelassen / in Spittal geführet / darselbst erquickt / und widerumb zu recht gebracht worden.

(1616) Zu disem Jahr ward H. Johann Bernhard Ringler der 66. Burgermeister.

(Drach) Den 25. Junii umb 9 Uhr nachmittag ist zu Basel ein fliegender Drach gesehen worden.

Den 6. Aug. starb H. Hieronymus Mentelin / obrister Zunfftmeister zu Basel.

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Der Programmleiter hat mich darum gebeten und mich eigentlich aufgefordert – Programmleiter bitten nicht, sie fordern –, ich möge ihm doch Anhaltspunkte zu meinem Gemütszustand geben. Hier sitzen wir, wie jeden Tag um viertel nach zwei in seinem Büro mit knarzendem Parkett und keinen Büchern darin. Seit die Bücher den Festplatten gewichen sind, haben alle Räume diesen Hall, den sie fürher nur beim Renovieren und bei Umzügen hatten. Der Herbst scheint matt durchs Fenster und ich soll mein Innenleben an einer Farbe aufhängen. An der Nähe zu einer bestimmten Fraunhoferlinie, sagen wir beispielsweise, 527 Nanometer, oder blass-hellgrün und nahe an der schwarzen Lücke, die verdampftes Eisen in einen Regenbogen schlägt. Der Leiter sitzt in seinem Stuhl mit Federungen in vielen Achsen. Er schwingt, wippt zum eigenen Puls oder zum Rhythmus vom Vorabend, hält mich in seinem Blick über den Tisch weg gefangen. Seinen Kopf samt dünnem Haarschnitt hat er leicht zur Seite geneigt, bewusst oder unbewusst meine eventuelle Schieflage zu illustrieren, oder unser schräges Verhältnis. Diese zarten, grauen Haare, die scharfe Kante, mit der sie abbrechen. Unter ihnen, nicht weit hinter weißer Haut und Knochen verborgen, sitzt eine Befugnis, fallen Entscheidungen über Tod und Teufel, über Gehälter und über die Frage, wo wir als nächstes und ob wir überhaupt tätig werden sollten. Ich würde den Kopf gerne in Händen halten, sein dürres, silbriges Fell streicheln, die Berge und Hügel dieses Schädels mit den Fingern durchwandern. Spürt man „die Macht“, wenn man sie streichelt? Wohl nicht, das ist ja der Witz bei der Sache, dass man sie eben nicht zu fassen bekommt. Und wenn du jetzt weiter die Frage im Raum ignorierst, aufstehst und dich über den Tisch beugst, um diesen Kopf zu packen – wenn überhaupt, dann wird das nicht „jene Macht“ sein, dann hast du deine Finger doch nur in den Haaren eines mittelalten Herren, der, solange du ihn befummelst, von seinen großen Geistern verlassen, sich zu wehren suchen wird.

„Also?“ fragt er. „Fluoreszierend“ sage ich. Dass ich mich langsam auf ein Rosa zubewege, halte ich noch zurück. Ein Neonrosa, also etwas Freundliches, aber mit grausam strahlendem Hintergrund. Da leuchtet etwas Kaltes nach, leuchtet durch die lieb gewonnene Farbe hindurch und lässt sie flirren. Sexy auch, freundlich und abgründig. Der Kopf des Leiters korrigiert sich in die Senkrechte, er will wissen, welche Farbe und was ich mit dem Fluoreszieren meine. „Kaltes Leuchten“, im Stoff meines Gemüts glimmen Reste eines verwandten und scheinbar gegensätzlichen Zustandes – „aber nun gut, Neonrosa.“ Jetzt ist der Graue zufrieden, hat bekommen was er wollte und breitet in brüderlichem Ton aus, dass ja Rosa eben nicht im Spektrum zu fassen wäre, weil es doch eine Mischung aus Rot und Blau sei und so fort und dass wir uns ja selbstredend im Klarem wären, wie vielschichtig und unverwaltbar unsere Gemüter bei Zeiten sein könnten. Scharfe Linien für Eisen, Sauerstoff und Helium, ja, das schon, aber keine Linien für Holz, Glück und Trauer.

Mir ist langweilig, ich kann den Eifer meines Gegenübers nicht teilen. Er notiert etwas, schreibt mit seinem Füller mit. Das macht so einen geordneten Eindruck, als stecke da System drin. Eine Liste, vielleicht eine wachsende Punktzahl, in deren Summe dann eine Erkenntnis zu meiner Eignung läge.

Ich möchte über Sanne sprechen. Heute morgen war ich auf der Station, das gehört zur Ausbildung, wir müssen da jeden Tag ein paar Stunden verbringen. Wir müssen die Gestalten aushalten, wie sie da in ihren Betten liegen, müssen sie wickeln, ihre verkrampften Hände und übrigen Gliedmaßen massieren, vielleicht ein bisschen über Quanten nachdenken und über die Distanzlosigkeit miteinander verschränkter Teilchen, egal in welchem Winkel des Universums sie sich gerade befinden. Den Kiefer auch bearbeiten, aber bloß nichts messen, weil das solche Teilchen nicht mögen, weil sie sich dann dazu verhalten und eine Pose annehmen, wie ein Mensch wenn er eine Kamera sieht. Keine Ablenkung und kein Rauschen. Wir dürfen unseren Orakeln keine Geschichten vorlesen, keine Lieder singen, sie nicht dort streicheln, wo es aufregend ist. Das ist die Ausbildung. Es aushalten, Monate, ein Jahr, zwei Jahre lang vergebens auf ein Flüstern vom anderen Ende der Verschränkung zu warten. Vor allem die Frage ausschöpfen, ob wir wirklich ihre Plätze einnehmen wollen, bevor wir eines Tages mal werden dürfen wie sie. Im zweiten Stock des alten Spitals, im langen Saal und einander gegenüber liegen 50 Kollegen, oder eben solche, die es durch die Ausbildung geschafft haben. 50 luftgepolsterte Betten mit nicht wachen, nicht schlafenden Reisenden, ihr Stoffwechsel samt flüssigen Abfalls über Schläuche und Drähte von Maschinen reguliert, alle mit mehr oder weniger vielversprechenden Gebieten unserer Nachbargalaxie im Andromeda verschränkt. Daneben sitzen wir Azubis auf Hockern, die Zustände der Kollegen zu studieren, um selbst jeden Nachmittag und wie ich jetzt überprüft zu werden, auf Sorgen und Realismus im Umgang mit so einem halbweltlichen Zustand.

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(Arm, Mann und klobige Fantasie zur Raumfahrt)

Heute lag also diese Frau vor mir, um die Ende 30, mit ihrem Vornamen auf das Nachthemd gestickt. Ich hätte Alter und den Nachnamen von ihrem Armband ablesen können, aber ich fand das unangebracht. Sie lag hier ja nicht wirklich, war nur zur Hälfte, oder nur durch einen automatisierten Körper anwesend. Es kam mir voyeuristisch vor, mich weiter mit ihrer so entfernten Persönlichkeit zu befassen. Nicht viel anders als ein Stalker, der heimlich die bloßgelegten Anteile irgendwelcher Nachbarn sammelt. Die Gestalt im Bett hieß Sanne und in ihr versteckt, still im verzerrten Körper, lag ein sehr abwesendes Krümelchen ihrer Person, a tiny spirit in a k-hole, eine verlorenes Stück Ich oder Selbst, das sich kaum mehr auf Sannes Glieder, Organe oder dergleichen bezog. Es lag da als Perle im Dunkel einer tiefen Höhle, wie die 49 Anderen gehüllt ins selbstmitgebrachte Kleidchen und diesmal beschriftet mit „Sanne“. Ist mir zu intim, ich werde keinen Spitznamen auf der Brust tragen. Ihr anwesender Rest in den spastisch zerknitterten Händen, Mundwinkeln und Stirnfalten, Sanne in dumpfer oder doch keiner Teilnahme an diesem Saal mit Linoleum auf dem Boden, Raufaser an der Wand und mit einer dicken Plastikleiste und allerhand Anschlüssen über den Betten. Die übrige Frau – oder was sie insgeheim ist – in einem Gesteinsbrocken, in einem eventuellen Gewächs, vielleicht sogar in einem vernunftbegabten und jetzt seines Selbstes verlustig gegangenen Lebewesen. Daraus schaut die Kollegin Lichtjahre von hier entfernt um sich und weiß nicht, wie ihr geschieht, oder wie sie der kristallinen Starre (Steinklumpen) entkommen kann. Sanne, der Klumpen, oder ein anderes Stück Materie, unmittelbar heute Morgen und noch knapp eineinhalb Millionen Jahre lang unsichtbar, bis das Licht und vielleicht ein Beweis ihres Aufenthaltes bei uns angekommen ist. Währenddessen habe ich versucht, ihren linken Mittelfinger aus seinem unguten Winkel zu holen. So läuft es, wenn die Frau Glück hat. Hat sie Pech, ist sie ins Leere geschickt worden. Das ist traurig und sehr wahrscheinlich. Man wird in den meisten Fällen eben nicht mit etwas Handfestem verschränkt, das man begreifen könnte. Wir müssen davon ausgehen, dass wir – angenommen, wir schaffen es durch die Auswahl – zerstreut werden und mit zahllosen, mutterseelen einsamen Teilchen im großen, dunklen Nichts zwischen den leuchtenden Inseln der Galaxie vermählt werden. Unwahrscheinlich, dass noch unsere feinsten Instrumente genau genug sind, um mich überhaupt erfolgreich in einen Bereich zu bringen, wo irgendetwas sich meiner annehmen und ich in es fahren könnte. Immer dran denken: nichts messen, messen verfälscht, das haben wir nachgemessen.

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(vielversprechender Bereich; Ektoplasma)

Ausgangspunkt der Reise ist ein herrschaftliches, dabei offiziöses Gebäude des vorletzten Jahrhunderts, erhöht auf einem Wiesengrund gelegen, Splitt in der Auffahrt und Eichen im Park. Das Haus weiß, die schmalen Fenstersprossen außen dunkelgrün, innen weiß gestrichen, damit von außen kein Gitter zu erkennen ist, von innen derselbe Gedanke. Keine Startrampen, oder Geruch von Treibstoff, kein Ungetüm aus Beton, um Feuerstrahlen zu verwalten. Keine Formen, die eine unerreichte Zukunft behaupten, oder irgendeinen Fortschritt. Wir erobern das Innere der fremden Welten, ihre Wahrnehmungen, nicht ihre Gestalten. Ein altes Sanatorium mit Fischgrät in den Büros und Linoleum in den Fluren und Sälen, Spazierende im Park, die nicht in den Himmel schauen, wenn sie an den Kosmos denken, zwei Fahrzeuge irren über die Wiesen – rund wie Kuchenformen nur etwas größer. Sie mähen das Gras auf ihrer Suche nach Kontakt zum nächsten Hindernis, das ihnen eine neue Richtung bescheren würde.

Ausgangspunkt ist ein gepolsterter Stuhl mit Schnallen für die Arme, Beine und den Kopf, mit Drähten und Schaltern und das Ganze verstellbar, aus dem Sitzen bis in die Horizontale zu kippen. Daneben eine Bahre auf rollendem Chrom-Gestell, ein Gerät zur Beatmung und eines, das Herz zu schocken. An der Wand über der Tür hängt eine Uhr mit drei Zeigern, mit Strichen für Stunden, Minuten und Sekunden umklappenden Plättchen für das Datum, damit zu jeder Zeit jeder Zeitpunkt genau dokumentiert werden kann.

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Heute, als an dem Feste der unbefleckten Empfängnis Mariä, wurden von einer gewesenen Hofschmiedstochter von München, ihres Alters im 23ten Jahr, nachdem sie 18 Wochen im Kloster gewesen, 10 tausend Millionen Teufel ausgetrieben.

Die Anfangsumstände dessen, so sich bereits am Vorabend zugetragen, hat man um deswillen allhier mitzutheilen Bedenken getragen, weil der Teufel aus dem Munde der Patientinn so erschreckliche Lästerungen ausgestoßen, dass man ohne Entsetzen dieselbe nicht lesen würde. Es waren aber solches hauptsächlich Lästerungen wider Gott, wider die allerheiligste Jungfrau und die Heiligen im Himmel. Und die Patientinn war nicht vermögend, den bösen Geist in ihr zu bezwingen, weil das große Vertrauen (welches doch der erste Grundsatz ist) ihr noch mangelte, um den höllischen Geist in ihr schweigen zu machen; so aber im Gegentheil an diesem Tag desto größer war; und welches aus dem erhellet, dass auf alle ergangene Fragen der Teufel gehorsamen musste; und eben so gehorsam musste er sich auch nachgebends in wirklicher Äußerung der Krankheitszufälle, die hier alle der Ordnung nach verzeichneit sind, beweisen.

(Aus dem Protokoll)

(…)

– Ich beschwöre dich durch die Kraft des h. Namens Jesu, daß du mir sagest, warum du, höllischer Hund, dich gestern so bossärtig gegen mich aufgeführt hast, da du unter andern die Vermessenheiten verlauten ließest, du hättest mit Gott Sitz getauscht. Erinnerst du dich nicht mehr, daß du um eben dieses Lasters der Hofart willen auf ewig aus deiner Wohnung des Paradieses herabgestürzt worden bist?

– Das weiß ich nur gar zu wohl.

– Und warum bezeigest du dich dann gleichwohl stolz und hoffärtig gegen mich?

– Darum, damit ich dich in Verwirrung setzen könne. Doch, was nützt mich alles dieses, da ich doch weiß, daß ich anheute, zu Ehren der unbefleckten Empfängnis Mariä, aus der verfluchten Creatur (Hofschmiedstochter ) weichen muß, und zwar wird solches durch dich, verhaßter Pfaff, geschehen müssen.

– Durch mich? –

– Ja, durch dich allein, denn von allen denen, die sich an mich gewagt haben, besaß kein einziger die Gewalt über mich.

– Kann denn in München keiner die Kunst, Teufel auszutreiben?

– Oh nein, es sollten solche Pfaffen wohl bey dir in die Schule gehen.

(…)

– Du bist der Mittagsteufel? – Wie! – bist du ganz alleine?

– Nein, ich habe noch 7 Millionen bey mir, und zwar lauter Unkeuschheitsteufel.

– Das ist erlogen. Ich beschwöre dich, dass du mir die Wahrheit sagest.

– Ich habe dirs schon gesagt, und sag dirs abermal, dass ihrer 7 Millionen sind.

– Du bist ein Lügner; ich beschwöre dich zum letztenmal, und zwar bey allem, was im Himmel ist, dass du ordentlich bekennest, wie viel Geister du bey dir habest?

– So wisse dann, dass unsere Anzahl zehn tausend Millionen ist, keiner mehr und keiner weniger.

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Die Fangfrage lautet: Was ist Dir lieb und teuer? Darauf gibt es keine Antwort, die einen für den Alleingang qualifizieren würde. Zu sagen: nichts, mir sei nichts teuer und nichts lieb, weder ein Mensch, noch sonst was, das sich bildlich, sprachlich, oder als Gefühl vermissen ließe. Zu behaupten, ich sei gleichzeitig auch nicht sauer auf die Welt oder auf jemanden unter ihren Bewohnern, das bringt einen beides nicht weiter im Prozess. Genauso wenig hilft es, wilde Leidenschaft für etwas oder jemanden vorzuspielen, oder diese Leidenschaft tatsächlich zu besitzen und sie frei raus zu blöken. Dem Silberhaarmann auf der anderen Seite des Tisches geht es um den Ton in meiner Antwort. Darum, wie ich über das zurückgelassen Werdende spreche. Was ich davon beim Namen nenne, was davon ich für mich behalte und in welcher Verlegenheit, oder vielleicht doch mit Gepolter. Er sammelt das ein, den Ton, die Heimlichkeiten, die Verwindungen die ich mache, wenn ich mich an seinen Fragen vorbeizwängen möchte. Er verstaut es in einer finstren Kiste zusammen mit vielem anderen Getue aus den unzähligen Befragungen. Man kann die Statistik nicht verlassen, kann sie nicht verarschen, das sieht sie vor, dafür hat sie eine eigene Spalte. Wenigstens gibt es dann kein Richtig und Falsch im Detail, das ist ein bisschen verzeihlich.

„Was ist mir also lieb und teuer? Das kleine Bild in meinem Zimmer über meinem Bett. Da sieht man ein kleines Zimmer mit Bett und Tisch und Ofen, ein Schiff im Regal, ein Fenster nach draußen auf ein Haus. Aber können wir darüber ein andermal reden?“

Der Graue trägt einen weißen Kittel, obwohl er nie hinter seinem Tisch hervorkommt, nie jemanden anfasst. „Alte Schule“, er trägt das Ding, um sich im Labor zu wissen und das zum Feierabend ablegen zu können. Seine Fragen richten sich an ein Training, das ich wie die Anderen durchlaufen habe, von dem ich Zeit meines Lebens nichts wusste. Das macht das ganze Prozedere so undurchsichtig. Es ist nicht, als ginge es um eine bestimmte Routine, die wir solange einüben, bis es unsere, bis es meine Routine wäre. Dann wäre dieser und jener Handgriff ein Teil von mir geworden, oder ich an der Aufgabe gescheitert. Es geht hier eher um die passende Biografie vor dem Job. Darum, bereits gescheitert zu sein, oder geeignet, weil das, was ich nicht ‚Seele‘ nennen will in den geeigneten Bahnen durchs Leben spaziert ist. So was kann man nicht lernen, es ist gegeben. Das ist Talent und kann nicht gefälscht werden. Früher hat man den Gleichgewichtssinn von Bewerbern getestet, wie gut sie mehrere Aufgaben gleichzeitig bearbeiten konnten, ohne dabei einem Druck zu erliegen und so weiter. Es war darum gegangen, am Ende in eine Maschine zu klettern und zum Mond fliegen. Das konnte man lernen, es gab Schulen dafür, man konnte sich mit Haut und Haar, mit Hirn und Hormonen dazu qualifizieren. Die Apparatur war kostspielig, die Arbeit vieler Menschen ist in die Hände Einzelner gelegt worden. Man war quasi die Fingerspitze eines hunderttausend Kilometer langen Armes und hat den fernen Staub befummelt. Das Glück und der Erfolg solcher Expeditionen lag im Dasein, darin, mit möglichst wenig Ballast, aber immerhin eben mit Haut und Haar einen unwirtlichen Ort zu erreichen. An dem hat man sich dann abgemüht, geschwitzt und geackert, als würde die Fremde dadurch Teil von einem selbst. Ein bestellter Acker, auch wenn jeder Tropfen Schweiß im Futter des Anzugs mit zurück auf die Erde genommen worden ist. Das, was von uns hier im Bett liegen bleibt, ist so ein vollgeschwitzter Anzug. Der verkabelte Körper von Sanne ist ihre Bedingung, erlaubt ihr, andernorts in einen Strauch, einen eisigen Klumpen, oder in irgendein absonderliches Lebewesen mit völlig unverständlichen Instinkten zu fahren. Das wäre dann wohl eine Anforderung: mein Glück nicht an den Stoffwechsel gebunden zu haben, keine Verzweiflung oder Traurigkeit beim Verlassen der Erde und des teuren Etwas mit Armen und Beinen. Bereits erste Erfahrungen im Verlassen der dicken Kugel haben, das gewohnt sein. Auszuschwärmen in die Unschärfe, während das fleischige Gestänge unten liegenbleibt, oder mit dem Bus fährt, ein Verhältnis wie das, zwischen einem grauen Sendemast auf trister Wiese und dessen Signal, das sich – bunt wie ein Regenbogen, neugierig und aufgeregt wie verliebte Teenager – seinen Weg durch kosmische Nächte sucht. Oder so ähnlich.

raumanzug01(Anzug für die Ferne; inwendig Schweiß)

Ich frage den Grauen, welcher Lebenslauf geeignet wäre. Er stutzt, vielleicht, weil er nicht mit Fragen gerechnet hat. Dann lächelt er und ich kann mir nicht helfen, ich wittere eine Karriere. „Kein Lebenslauf, es geht nicht um die Stationen, durch die sie sich bewegt haben und die Auszeichnungen, die eingesammelt wurden. Es geht um ihr Verhältnis dazu.“ Da hat er Recht. Da sitzt zum Beispiel der Graue und hat es echt weit gebracht in seinem Beruf, mehrere DIN à 4 Seiten voller Ruhm, die nichts über sein Motiv hinter dem ganzen Gebuckel verraten. Es müsste aber eben ein Motiv sein das ihn befähigt, sich zu den Anderen in eines der Betten zu gesellen, im Nachthemd mit seinem Namen auf der Brust und mit angespanntem Gesicht. Auch ein Motiv, das es seinem Nachfolger glaubhaft machen könnte, dass auf den Grauen Verlass sei, während der da komatös herumläge.

Zurück. Das Leben ist also da und da langgelaufen, aber die Spuren interessieren hier nicht. Die Frage lautet: ‚Wie hat das Leben dabei navigiert und hat die Art der Navigation es zum grinsen gebracht? Hat es das alles aus Neugier getan, oder aus Raffgier?‘

Draußen kriecht ein Rasenmäher in den Ausblick des Fensters, der Grauhaarige schaut hinter seinen dürren Lidern hervor und in mein Gesicht. Die krakeligen, grünlichen Adern an seinen Schläfen rücken ein unhandliches Wort in die Erinnerung: Intimität. Die Haut des Programmleiters ist lebendiges Porzellan, der Mann ein machtvolles Wesen, freundlich und gnadenlos und das aber ganz offen und zerbrechlich, das macht es so intim. Er fragt mich pauschal nach „der Station“. Durch irgendeine Blume möchte er wohl erfahren, was ich denn dabei empfinde, Tagein, Tagaus und jeden Morgen in diesen Saal zu gehen, der mit all seinen Betten, Schläuchen, Kabeln und wahnwitzig verzerrten Leibern doch nun wirklich ‚Komastation‘ schreien könnte. Ich lecke mir die Lippen, zeige ihm, dass ich nachdenke, dass ich zu ihm und seiner heimlichen Frage halte.

Wie sieht das aus, an den Betten? Ich knete dann zum Beispiel Sannes Hand und glotze abwesend auf die Muskeln in ihren Wangen. Ich arbeite wie ein Ochse daran, mir selbst glaubhaft zu machen, dass es eben genau das nicht ist. Keine Komastation, nein, Sanne ist keine Komapatientin, ist nicht katatonisch. Sie befindet sich in einem Zustand maschinell heraufbeschworener, geisterhafter Fernwirkung. Ein ausgeschwärmter Teil der Frau ist verschränkt mit einer hoffentlich menschengroßen Region in der Nähe des Sternbildes Pegasus, wenn man in solchen Verhältnissen noch von Nähe sprechen kann. So müsste es sein, wenn alle Berechnungen und all deren apperatgewordenen Erkenntnisse zulässig sind. Ich nenne das „die Leidenschaft eines Museumswärters“ und ich meine insgeheim Mitleid. Die dünnen Augenbrauen heben sich fragend. „Also man pflegt diese ganzen Körper wie man ein Ding pflegt, dessen Zusammenhang fort ist, das seinen Zusammenhang zu vermissen scheint.

Es ist schwer, den Gesichtern in den Betten Teilnahmslosigkeit an ihrem ja recht kläglichen Zustand zu entnehmen, oder sogar zu meinen, sie seien glücklich. Natürlich, die Kontraktion der Münder ist keine Mimik, ein stiller Schrei kein Schrei und das, was Glück oder das Gegenteil empfinden könnte, ist ausgeflogen, das heißt, es ist da, ist aber eins geworden mit der Ferne. Die Gehirne haben sturmfrei, sie kommen ihren Aufgaben nicht recht nach und verwinden die Körper in Krämpfe, in der Weise, wie Pflanzen willenlos zur Sonne gewunden werden. Ich bin noch nicht ganz frei davon zu denken, diese Körper empfänden Sehnsucht.“

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20.20 Uhr: Eintreffen des Mediums im ‚Séance-Raum‘. Das Medium platziert sich im Kabinett und trinkt nochmals Wasser aus der bereitgestellten PET-Flasche. Olivier versiegelt die Türe zum ‚Séance-Raum‘. Das Medium fordert Olivier auf, die Kontrolle des Mediums im Vorbereitungsraum zu kommentieren. Olivier erläutert den Vorgang und das Resultat dieser Massnahme und kommt zum Schluss: „Das Medium ist Clean und hat keinerlei Hilfsmittel oder Gegenstände in den Séance-Raum mitgebracht, welche zur künstlichen Erzeugung ‚physikalischer Phänomene‘ eingesetzt werden könnten.“

Rotlicht

(…)

20.36 Uhr: Erneute, starke Klopfgeräusche an Schrankwand und Sichtschutz. Eine Stimme meldet sich mit den Worten: „Könnt ihr mich hören?“. Die Trance-Persönlichkeit stellt sich als ‚Hans B.‘ vor, begrüsst alle Sitzer durch das Medium Kai-Felix und heisst alle recht herzlich Willkommen.

(…)

21.21 Uhr: Die Vorbereitungen sind abgeschlossen und ‚Hans‘ teilt mit, dass sich Ektoplasma bildet. ‚Hans‘ bittet um allerherzlichsten Gesang und Beobachtung was nun passiert. Das Kabinett wird von Julia und Olivier geöffnet.

Dunkelheit

(…)

21.29 Uhr: Die Sitzer melden die Sichtung einer ganzen Hand und der Mittelfinger derselben klopft im Takt der Musik auf die ‚Plaque‘. ‚Hans‘ erkundigt sich bei den Sitzern, ob diese andere Handform für alle sichtbar ist. Die Sitzer bestätigen dies. ‚Hans‘ bittet um mehr „Energie und Gesang“.

Dunkelheit

21.32 Uhr: ‚Hans‘ überbringt einen herzlichen Gruss seiner Kollegen: „Sie sind jetzt unter euch“. Des Weiteren werde er von ihnen gedrängt, zur Rotlichtphase vorzustossen. ‚Hans‘ erhält gerade die Benachrichtigung, dass die Kollegen in der letzten Dunkelphase versuchen, auch Objekte zuzuweisen in eurem Dimensionalen Raum und diese somit zu levitieren und durch den Raum zu transportieren. ‚Hans‘ erwartet die Erlaubnis der Sitzer, welche diese lautstark erteilen.

Dunkelheit

(…)

22.24 Uhr: Julia stellt die zweite Frage: „Woher kommen die Apporte und wie entstehen sie?“.

Dunkelheit

Hans antwortet: „Liebe Julia, die Kollegen utilisieren Apporte von zwei differenten Orten. Einmal werden Dinge verwendet, die vergessen wurden und somit virtuell verschwunden sind von eurer Erdens Ebene. Solche Objekte werden genutzt, aber ebenso gelingt es uns, durch das hohe, schöpferische Potential des ektoplasmischen Feldes, sozusagen Originalteile zu rekreieren. Wir besitzen das schöpferische Muster und ganz besonders einfacher Weise dasjenige, von metallenen oder steinernen Objekten. Diese sind für uns sehr schnell und sehr einfach im ektoplasmischen Feld rekreierbar. Wir bilden also ‚Doppel‘ und nutzen diejenigen, die aus der spirituell, virtuellen Welt der Erdens-Sphäre entschwunden sind. Haben dies alle verstanden?“ Dies wird bestätigt.

22.26 Uhr: ‚Hans informiert die Sitzer: „Wir werden das Medium nun in wenigen Sekunden aus der Trance erwecken. Liebe Freunde, ich bitte euch, lasst euch nicht begrenzen von denjenigen, die euch sagen was die geistige Welt ist und was nicht. Unbegrenzte Möglichkeiten, Galaxien an Potenzen.“ ‚Hans‘ wünscht allen Sitzern einen schönen Abend.

Dunkelheit

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Wehes Leuchten im Hintergrund

Der Programmleiter hat mich darum gebeten und doch eigentlich aufgefordert – Programmleiter bitten nicht, sie fordern –, ich möge ihm Anhaltspunkte zu meinem Gemütszustand geben. Hier sitzen wir, wie jeden Tag um viertel nach zwei in seinem Büro mit knarzendem Parkett und keinen Büchern darin. Seit die Bücher den Computern gewichen sind, haben alle Räume diesen Hall, den sie einst nur beim Renovieren und bei Umzügen hatten. Der Herbst scheint matt durchs Fenster und ich soll mein Innenleben an der Nähe zu einer bestimmten Fraunhoferlinie aufhängen, sagen wir beispielsweise, 527 Nanometer, oder blass-hellgrün und nahe an der schwarzen Lücke, die verdampftes Eisen in einen Regenbogen schlägt. Der Leiter sitzt in seinem Stuhl mit Federungen in vielen Achsen. Er schwingt, wippt zum eigenen Puls oder zum Rhythmus vom Vorabend, hält mich in seinem Blick über den Tisch weg gefangen. Seinen Kopf samt dünnem Haarschnitt hat er leicht zur Seite geneigt, bewusst oder unbewusst meine eventuelle Schieflage zu illustrieren, oder unser schräges Verhältnis. Diese zarten, grauen Haare, die scharfe Kante, mit der sie abbrechen. Unter ihnen, nicht weit hinter weißer Haut und Knochen verborgen, sitzt eine Befugnis, fallen Entscheidungen über Tod und Teufel, über Gehälter und die Frage, ob man eher hier, dort, oder gar nicht tätig werden solle. Ich würde den Kopf gerne in Händen halten, sein dürres, silbriges Fell streicheln, die Berge und Hügel dieses Schädels mit den Fingern durchwandern. Spürt man „die Macht“, wenn man sie streichelt? Wohl nicht, das ist ja der Witz bei der Sache, dass man sie eben nicht zu fassen bekommt. Und wenn du jetzt weiter die Frage im Raum ignorierst, aufstehst und dich über den Tisch beugst, um diesen Kopf zu packen – wenn überhaupt, dann wird das nicht „jene Macht“ sein, dann hast du deine Finger doch nur in den Haaren eines mittelalten Herren, der, solange du ihn befummelst, von seinen großen Geistern verlassen sich zu wehren suchen wird.

„Also?“ fragt er. „Fluoreszierend“ sage ich. Dass ich mich langsam auf ein Rosa zubewege, halte ich noch zurück. Ein Neonrosa, also etwas Freundliches, aber mit grausam strahlendem Hintergrund. Da leuchtet etwas Kaltes nach, leuchtet durch die lieb gewonnene Farbe hindurch und lässt sie flirren. Sexy auch, freundlich und abgründig. Der Kopf des Leiters korrigiert sich in die Senkrechte, er will wissen, welche Farbe und was ich mit dem Fluoreszieren meine. „Kaltes Leuchten“, im Stoff meines Gemüts glimmen Reste eines verwandten und scheinbar gegensätzlichen Zustandes, „aber nun gut, Neonrosa.“

Jetzt ist der Graue zufrieden, hat bekommen was er wollte und breitet in brüderlichem Ton aus, dass ja Rosa eben nicht mit Nanometern zu fassen sei, weil es doch eine Mischung aus Rot und Blau sei und so fort und dass wir, als Wissenschaftler uns ja selbstredend im Klarem wären, wie vielschichtig und unverwaltbar unsere Gemüter bei Zeiten sein könnten. Scharfe Linien für Eisen, Sauerstoff und Helium, ja, das schon, aber keine Linien für Holz, Glück und Trauer.

Ausgeflogene Geister

Heute morgen war ich in der Andromedaschranke. Das gehört zur Ausbildung, wir sind alle angehalten, dort, oder in einem der anderen Zielgebiete jeden Tag ein paar Stunden zu verbringen. Wir müssen die verschränkten Gestalten aushalten können, an ihren Betten sitzen, sie wickeln, ihre verkrampften Hände und übrigen Gliedmaßen massieren. Den Kiefer auch und wir müssen die Elektroden in ihren Kopfhauben feinjustieren, ob nicht doch irgendetwas jetzt schon messbar wäre. Deshalb dürfen wir unseren Orakeln keine Geschichten vorlesen, keine Lieder singen, sie nicht dort streicheln, wo es aufregend ist. Wir müssen es aushalten, Monate, ein Jahr, zwei Jahre lang vergebens auf ein Flüstern vom anderen Ende der Wahrnehmung zu warten. Und müssen vor allem die Frage aushalten, ob wir wirklich ihre Plätze einnehmen wollen, bevor wir eines Tages mal werden dürfen wie sie. In diesem zweiten Stock, im langen Saal und einander gegenüber liegen 50 Kollegen, oder eben solche, die es durch die Ausbildung geschafft haben. 50 luftgepolsterte Betten mit nicht wachen, nicht schlafenden Reisenden, ihr Stoffwechsel samt flüssigen Abfalls über Schläuche und Drähte von Maschinen reguliert, alle in mehr oder weniger vielversprechende Gebiete unserer Nachbargalaxie projiziert. Daneben wir Anwärter auf Hockern, ihre Zustände zu studieren, um selbst regelmäßig nachmittags überprüft zu werden auf Sorgen und Realismus im Umgang mit dem halb weltlichen, halb außerweltlichen Zustand.

Da lag eine Frau vor mir, um die Ende 30, mit ihrem Vornamen auf das Nachthemd gestickt. Ich hätte Alter und den Nachnamen von ihrem Armband ablesen können, aber ich fand das zu intim. Sie lag hier ja nicht wirklich, war nur zur Hälfte, oder nur durch einen, zu zwei Dritteln automatisierten Körper anwesend. Mich weiter mit ihrer so entfernten Persönlichkeit zu befassen, kam mir voyeuristisch vor. Nicht viel anders als ein Stalker, der heimlich die bloßgelegten Anteile irgendwelcher Nachbarn sammelt. Von Sanne lag hier in verzerrter Haltung und still eine Hälfte, die sich nicht auf ihre Glieder, Organe oder dergleichen bezog. Lag da, wie die 49 Anderen in einem selbstmitgebrachtem Kleidchen und mit einheitlicher Schrifttype für „Sanne“ – auch zu intim, ich werde keinen Spitznamen auf der Brust tragen wollen. Ihre hiesige Hälfte in den spastisch zerknitterten Händen, Mundwinkeln und Stirnfalten. Sanne in komatöser Teilnahme an diesem Saal mit Linoleum auf dem Boden, Raufaser an der Wand und einer dicken Plastikleiste mit allerhand Anschlüssen über den Betten. Eine andere Hälfte von ihr mag in einem Gesteinsbrocken, in einem eventuellen Gewächs, oder sogar in einem vernunftbegabten und jetzt seiner selbst verlustig gegangenen Lebewesen stecken, aus dem, Millionen Lichtjahre von hier Sanne in die ferne Welt schaut, nicht weiß, wie ihr geschieht und wie der fremde Körper funktioniert. Das, oder ein anderes Stück Materie, unmittelbar heute Morgen und noch knapp eineinhalb Millionen Jahre lang unsichtbar, während ich versucht habe, den linken Mittelfinger aus seinem unguten Winkel zu holen. Das heißt, wenn Sanne Glück hat. Hat sie Pech, ist sie ins Leere geschickt worden. Das ist traurig und sehr wahrscheinlich. Jene andere Hälfte wird in den meisten Fällen eben nicht mit etwas Handfestem verschränkt, das um relativ wenige Ecken unserer Erfahrung zugänglich wäre. „Sie müssen davon ausgehen, dass sie – gesetzt den Fall, sie schaffen es durch die Auswahl – zerstreut werden und mit zahllosen, mutterseelen einsamen Teilchen im großen, dunklen Nichts zwischen den leuchtenden Inseln der Galaxie vermählt werden. Ja, sie müssen davon ausgehen, dass unsere Instrumente zu ungenau sind, um sie überhaupt erfolgreich in einen Bereich zu bringen, wo auch nur irgendetwas sich ihrer annehmen könnte, sie in es fahren könnten, wie ein fremder Geist in ein Orakel oder dergleichen.“

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ankunft: rauschen, wirrwarr, aus

Wenn es dann soweit wäre, würden wir auf den einfühlsamsten Kanälen zuerst ein langdehntes Knistern hören, wobei wir uns nicht sicher sein könnten, ob es ein äußeres Knistern wäre, oder ein Inneres. Eines, das wir zum Beispiel vor lauter Ungeduld und mit Hilfe von Gänsehaut im Gehörgang hergestellt hätten. Oder eine Erinnerung, die uns zum gegebenen Anlass recht gut in den Kram passen würde und die wir also für voll nehmen und eben für dieses Knistern verantwortlich machen würden. Fest steht, dass man so etwas entweder kommen hört, oder man bemerkt es erst, wenn es da ist, einen aus dem Schlaf reißt. Nein, man wird es nicht sehen und unsere Nasen sind ohnehin zu mickrig, uns durch etwas Anderes als Mahlzeiten, Feuer und Scheiße zu lenken. Zurück zu dem Geräusch, dem echten, oder dem, das in stiller Ahnung hervorgekramt würde.
Dieses Geräusch wäre, im Gegensatz zu dem was auf es folgen soll, sehr fein, zart wie das Knistern einzelner Sandkörnchen, wenn sie auf ein Blatt Schreibmaschinenpapier fallen, oder ein leiser Hauch vom gegenüberliegenden Arm der Milchstraße. Greise Teilchen, die hunderttausend Jahre gereist sind, streunend oder als Vorboten von etwas sehr sehr Altem. So ein Hauch verwirbelt sich im besonders empfindsamen Wangenhaar derer, die wenige Sekunden vor ihrem Nervenzusammenbruch stehen. Weil man solchen Leuten nicht über den Weg traut, beschuldigt man sie des Halluzinierens oder dergleichen, während tatsächlich dieser galaktische oder eben doch nur schrecklich irdische Hauch über ihre Gesichter weht. Die dichtgedrängte Empfindung des Windes oder Knisterns, der eintreffenden Vorhut, läge an der beschleunigten Wahrnehmung ihrer Empfänger. Man kennt das ja: wenn´s dramatisch wird, verfeinern sich die Eindrücke, die Lücken im Blick, im Hören, im Streichen des Fingers über die eigene Haut verschwinden, man nimmt das alles und ohne Sprünge auf, weil es ja das Letzte sein könnte, was man tut. Und so macht es Sinn, die weit auseinander gezogenen Einschläge loser Bestandteile eines wohl Ganzen zu einem Knistern zusammenzufassen.
Unsere gemeinten Zuhörer rekrutieren sich also aus den Randgebieten der Gesundheit, aber auch aus der Hundeschaft. Der weggesperrte Köter jault dann „wider das Ende“ oder dafür, weil es sein Herrchen mit in den Tod reißen wird. Und Struppi sehnt sich nach der Wildnis in den Städten, nach früher oder nach dem Süden, wo oder als die Köter keinen Chip unter der Haut trugen, in Rudeln die Gossen nach dem besseren Leben befragten.
Wer gesund ist und in Lohn und Brot sitzt, hat seine Sinne aus derart unproduktiven Gefilden längst abgezogen und wird wohl oder übel von dem, was da kommt überrollt und das eben ohne Ankündigung. Also richten wir unsere Betrachung auf die Verrückten auf dem Parkplatz, auf Arbeitslose, auf Rentner und auf den Fischwart im Zoo. Die Kinder wollen wir heute ausklammern, weil wir ihrer Sprache nicht mächtig sind und somit schwerlich ein Vertrauensverhältnis mit ihnen errichten könnten.
Wir wollen auch unbeachtet lassen, dass sich die Haare und Federn der übrigen Tierwelt aufstellen würden, dass ein Nationalpark im angestrengten Lauschen verstummt und die Erdmännchen in Afrika einen Kreis bilden, sich nach links wiegen und nach rechts, nach links und nach rechts und immer fort.

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Es war gewalttätig, wie dieser Mann in der U-Bahn mit einem Pferdeschwanz und müdem Blick über das Glas seines Telefons gewischt hatte. Als könnte der wütende Gestus seiner Fingerspitzen dem kleinen Prozessörchen im Gerät Beine machen, es zur Eile treiben. Die Frau daneben – eine Verbündete, seine Frau und er ihr Mann? – kam ihm zur Hilfe, weniger aufgeregt, eben eine hinzugezogene Helferin, auch mit den Fingern am Glas und dem Ackernden etwas zuflüsternd, konzentriert und mit stierem Blick aufs Licht in ihrem Schoß. Ganz klar, die beiden befanden sich in einer Ausnahme. Eine Unterstellung besagt, dass solche Gemeinschaft sich nur in Ausnahmen bilde, dass solche Gestalten mit schlechter Haut, ausgezehrten Körper und Kleidern, die mit keiner Sozialversicherung in Einklang zu bringen seien, von einer Ausnahmesituation in die nächste taumeln und sie damit kaum als Orakel für nahende Ereignisse von allgemeinerer Brisanz als der ihnen eigenen taugen. Dann wiederum kennen wir doch den Bericht vom sowjetischen Hauptmann, dessen Messgerät vom Beruf her paranoid war und hoch geschätzt. Es hatte einzig den ängstlichen Blick Richtung Horizont zur Aufgabe und sollte eines Morgens den Sonnenaufgang mit Atomraketen verwechseln. Es gemahnte den Soldaten zum dritten Weltkrieg. Vierzig Jahre lang und eigentlich heute noch stiert was Macht besitzt gen Horizont und sucht nach finstren Wolken. Der Leutnant hat dann auf Abruch gedrückt, weil er nicht sterben wollte. Hat er gut gemacht und ist gefeuert worden. Was das bedeuten soll? Verlass dich auf die Zarten, aber besitze selbst die Zartheit, ihre vielen Aufregungen zu unterscheiden. Die beiden Kaputten in der U-Bahn waren ein Indiz aber kein Garant. Sie sind bald ausgestiegen, mit Engagement im Gang, zielstrebig zum nächsten Schuss, oder Vorkehrungen zu treffen für was da kommen würde.

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So sitzen und liegen wir, wenn wir es uns leisten, oder nicht anders können, und horchen angestrengt. Die Brösel verdichten sich allmählich zu einer flächigeren Erscheinung, erste Gerüchte kursieren in deren Peripherie und als wollte man es nicht wahrhaben, bauscht man Nebensächliches zum großen Thema auf, zum erträglicheren Ersatz für das eigentlich Bevorstehende. Das Augenmerk richtet sich typischerweise auf eine Aktie, ein zum Verkauf stehendes Land, auf die xte Revolution in Arabien oder in einer Benutzeroberfläche. Dabei hat man doch längst bemerkt: es muss sich etwas in dem jetzt schon deutlichen Rauschen, oder dahinter verbergen. Jetzt schließen die ersten unter den wenig erschütterungswilligen Technokraten ihre Augen, recken den Kopf ein Stück nach vorne und nach oben, ganz wie jene sensiblen Gestalten vom Rand, und als würde das die Ohren feiner machen, lassen sie dazu ihre Gesichter in sinnliche Schlaffheit fallen. Was ist es für ein Geräusch? Eieiei, handelt es sich am Ende nur um das Funktionieren oder den Todeskampf eines wertvollen, elektrischen Apparates? Um etwas zum Verscheuchen der Mücken, oder um etwas harmloses aus der Fremde, zum Beispiel um Musik? Es ist näher gerückt, wenn man von rücken sprechen mag und doch eigentlich geisterhafte Annäherungen meint. „Es beschleicht mich ein Gefühl“ dürfte man sagen und damit den Tatsachen eher beikommen.
Die Hunde jaulen inzwischen auch tagsüber, rennen im Kreis übers Parkett und den fleckigen PVC, folgen ihrem Instinkt, sich einzugraben. Sie suchen spiralartig die Tiefe einer Mulde, oder den Einklang mit unserer ignoranten Galaxie. Deren Wind peitscht jetzt förmlich das Wangenhaar einer eigentlichen Katatonikerin in ihrem Bett. Sie hält sich an der Matratze fest, lässt die Tränen davonwehen und lächelt im Sturm. Sie wartet, wie die Erdmännchen in ihrem Kreis und ein Alter an seinem Resopaltisch in der Küche auf den möglichen Inhalt der tosenden Ankunft.

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Dummes Gefühl angesichts des nächsten Monats: wie soll das laufen? Wir werde gemeinsam aufstehen, Kaffee trinken, knutschen, uns Wärme geben oder wasimmer für den Rest des Tages und dann gehen wir arbeiten bzw. einer von beiden geht, während die andere Person zu Hause in der Werkstatt bleibt. Ist das bezaubernd? Ja, ist es und wann hört der Zauber auf? Das heißt, die eigentliche Frage ist doch, möchte man es miterleben, wie die Magie abstirbt, oder murkst man sie lieber und um das Heft in der Hand zu behalten selbst ab? Selbst wenn die ins Gefühl vorgedrungen ist und sich als Praktikerin verkleidet, ist das doch nur Theorie. Die Erfahrung soll kurz darauf zeigen, dass all der Zauber unbenannt bleibt, sich den Begriffen und folglich auch deren Alter, oder Blauäugigkeit entzieht. Im Gefühl dann wieder: Ankunft, Heimat-Hormone, Erfüllungs-Chemie.

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Die Zeichen verdichten sich weiter, der Rand der Gesundheit flirrt, geht, rennt, fährt mit dem Fahrrad aufgeregt durch die Straßen seiner Städte, oder dessen, wo er sich gerade befindet. In den Zentralen von Geheimdiensten, in jenen Räumen tief im Innern abweisender Gebäude herrscht ähnliche Unruhe, kurz vor einem nächsten Anschlag. In Form gehalten wird das dort einzig von Gehaltsbezügen und von der Professionalisierung, die solche ihren Empfängern bescheinigt. Wenn man weiß, das es gleich kracht, nur nicht sicher ist, wo das stattfinden soll, wird die Seele unruhig. Sie ist ortloser als man meinen möchte und verbindet sich mit Gegenden und Leuten, die man in bewussteren Momenten gerne fremd heißen würde. Nicht immer freilich, das heißt nur dann, wenn man so eine Vermittlerin besitzt und sie einem nahelegt, dass das alles zusammengehöre, wir und die Anderen und die ganze Erdoberfläche und dass vielen der so gesehen eigenen Sorte gleich auf´s mieseste der Boden unter den Füßen weggezogen würde (oder er ihnen auf den Kopf fällt). Im sicheren Raum im Untergschoss wird das zusammengehalten, an der ungeschützten Oberfläche aber wirres Gerenne. Wir hören etwas, manche mehr, andere weniger, aber wir können die Stücke nicht zusammenfügen. Oder wir wollen das nicht, wollen das Rauschen, aber nicht dessen Ursache. Hat denn das Gute Vorboten? Natürlich riecht der Frühling nach aufgetauter Hundescheiße, noch bevor er tatsächlich eingetreten ist. Wenn zwei sich ineinander verlieben, machen sie Witzchen, weil sie wissen, dass es bald ernst wird und ihre Freundeskreise tuscheln darüber. Wird ein neues Telefon erwartet, dann knistert es auch im Voraus. Weil aber der Erfahrung nach nichts Gutes geschieht, das weltbewegend ist, sind alle übrigen Vorboten – und wenn sie auch noch so zart und unbestimmt daherkommen – fürchterlich. Vielleicht, weil Mord und Totschlag schlecht sind und man sich darauf geeinigt hat, aber nichts kennt, das über diverse Grenzen hinweg gut wäre.


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Inzwischen und weil wir uns auf eine bestimmte Wellenlänge geeinigt haben werden, kriecht das Rauschen tatsächlich aus unseren Lautsprechern, ein völlig selbstgewähltes Geräusch am Telefon teilt uns mit, wir hätten Nachricht. Das kleine Gerät schreit, oder wir sind sensibel geworden. Haben wir es am Ende in unseren Bann gezogen, es und die fernen Absender dazu gezwungen, zu tun, was es uns antun wird? Wer sich beobachtet fühlt, ist zu Entschiedenheit gedrängt. Man nimmt sich dann in den Arm und würgt einander.


Keine Nachrichten waren in unserem Fall noch immer gute Nachrichten. Jetzt kommt da was zurück. Misstrauen, es lauert etwas im Busch, weinend und mit einem Messer, dann singen wir unser letztes Lied, dann kehrt Stille ein.

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erster Morgen im Verhau

Ich weiß noch, ich bin in der letzten Nacht hochgeschreckt und hatte ein paar klare Gefühle mit in die Wachheit genommen. Gefühle aus dem Traum, ähnlich, aber schärfer und vollständiger als die glimmenden Nachbilder, die man im Dunkel hinter den Lidern sieht, wenn man an einem besonders hellen Tag, oder in einem Labor die Augen schließt. Die Eindrücke waren frisch und tief, ich weiß auch noch, dass ich mir vorgenommen hatte sie über den folgenden Schlaf und in den Tag hinein zu retten. Davon ist jetzt nur zartes Durcheinander übrig, keine Bilder, ein paar Farben vielleicht, eine grobe Ahnung, die Sonne könnte geschienen haben und er und sie und ein alter Freund aus der wachen Welt sei beteiligt gewesen. Was auch immer das war, es war wirklich wie ein helllichter Tag, anstrengend auch und nebensächlich, wie es beispielsweise ein Gang aufs Dach wäre, oder die morgendliche Katzenwäsche an der Spüle in der Kochnische. Vager Respekt, Achtung vor den bereisten Gebieten und vor ihren Gestalten, sogar ein bisschen Sehnsucht nach einem vermuteten Reichtum in den Traumwelten. Sehnsucht nach was? Es können Wunder und Grausamkeiten gewesen sein, die es nur ganz knapp nicht über den Horizont und aus dem Schlaf heraus geschafft haben. Nur keine Langeweile, die gibt es da nicht, das Ich ist sich in jedem Schlummer ein Abenteuer. Es ist hell auf diesem Flecken Erde, die Luft ist gleißend und diesig, nichts und niemand wirft einen Schatten. Die Vorgänge bleiben unsichtbar, bis jemand mit seinem frisch eroberten Fahrrad angibt, oder jemand anderes von einer Kugel im Bauch umgeworfen wird. Man wirft keinen, man ist selbst Schatten. Lechzt danach, dem Licht im Weg zu stehen, den Asphalt mit seiner Dunkelheit zu kühlen. Lechzt nach wenigstens Bildern davon, nach kontrastreichen Fotografien, wie andere nach Blut lechzen. So ein Tag wird es werden oder schon sein. Ich muss nicht aus dem Fenster schauen um das zu wissen, merke das am Weiß der Wände und daran, wie weh das tut. Sprengt die Augäpfel, zumindest beinahe. Hinter mir liegt eine Nebelbank, ich liege in einer nächsten, die Zusammenarbeit mit dem Tag ist so undeutlich wie die Erinnerung an das, worauf er gefolgt ist. Der Morgen liegt brach, oder ist es schon Mittag? Meine wenigen Sachen liegen verstreut im Zimmer, die Ausrichtung der Wände ist befremdlich, die Matratze liegt falsch. Kurz bevor ich die Augen aufgemacht habe, hatte ich angenommen, das Fenster läge links von mir und zu meinen Füßen, wie es das in einer früheren Konstellation getan hatte, die wohl mit Kindheit überschrieben werden darf. Aber das tut es nicht, das Fenster hat sich zu meiner Rechten durch die Wand gebohrt und auf Kopfhöhe, da wo es nun gar nicht hingehört. Das Kinderzimmer, die Stellung der Möbel, die Lage des Fensters und der Tür, das war so, wie das hier sein sollte und wie es immer sein sollte. Der Blick da hinein hatte sich damals nicht kindlich angefühlt, hat sich nicht anders angefühlt als der Blick heute Morgen. Ein nicht begreiflicher und dabei völlig nachvollziehbarer Sturm an Jahren und Kleinigkeiten hat von dort hierher geführt, in diesen 7. Stock. Und so finde ich mich wieder, hier auf einer Matratze, die ich gekauft und das Treppenhaus raufgeschleppt habe und die mir so fremd ist, als hätte der Sturm nie stattgefunden. Da liege ich und spüre eine Wirklichkeit kleiner und großer Bandenkriege und Besitzwechsel, die sich um mein Hochhaus und mich und vermutlich auch um alle anderen legt, wie zwei Hände um ein Insekt, dem man eine gewisse Finesse im Ausbruch nachsagt, dessen feine Glieder und Flügel man im Dunkel des hohlen Griffes bestaunen, oder das man zerquetschen möchte. Ich spüre die Gegenwart des ganzen Irrsinns da draußen – oder einfach nur: die Gegenwart. Spüre sie, weil ich ein Loch in ihr spüre, einen Hohlraum, dieses Appartement, mein Appartement. Ein Blinder dem sich lautlos eine Wand nähert kennt das. Sechs Wände die sich als steinerne Kinder gegorenen Zorns um ihn und seinesgleichen zusammenziehen – historischer Zorn, persönlich, aber nicht privat. Rückt bedrohlich auf die Angehörigen eines bösen Stammes zu, hatte Klassenkampf geheißen. Man kennt das flache Atmen und die Starre im eigenen Körper, wenn es im Dschungel plötzlich still wird und man weiß: eine Bestie geht um. Den Vögeln draußen geht es wohl ähnlich. Sie halten sich bedeckt, singen unregelmäßig tags und nachts, wenn die Luft mal zwischendurch rein ist, sonst lauschen sie unserer Heimlichkeit.

Davon soll ich jetzt berichten, vom versteckgewordenen Wohnzimmer, das in traumhafter Weise an den Rand eines Abgrunds gesprungen ist. Das wollten sie mir glaubhaft machen, als Beleg für ihr Interesse haben sie meine Tür gleich am Nachmittag mit Stahl verstärken lassen und sie werden jeden Tag einen Boten mit Gemüse, Süßigkeiten und Anregungen für kleine Reportagen aus meinem neuen Alltag schicken. Die eigenen Knochen möchten sie natürlich nicht hinhalten, aber wenn eben schon mal jemand mitten drin ist den man unter Vertrag hat, dann kann sich daraus etwas machen lassen. Wenn die Verwirrung groß ist, dann müssen die Sinne berichten, müssen die Körper zu Wort kommen, müssen sprechen. Ein britischer Kollege hatte mal in einem Atemzug von seinem eigenen, steifen Body nach einem langen Flug erzählt und von dem Body, den ein Demonstrationszug durch die Straßen getragen habe. Sein Körper, ein Körper – sein Körper, eine Leiche, Körpersprache. Klar, man kann das filmen, kann aus 20 Kilometern Höhe kleinen Pixelflecken dabei zusehen, wie sie auf unsinnigen oder durchtriebenen Pfaden durch ein Wohnviertel kriechen, umzingelt werden, oder sich einander umarmen. Man kann ihnen beim Ficken im Park zusehen und beim Warten auf ein Auto. Man kann ihre Gespräche belauschen und ihr Schnarchen, nur zu den runtergeschluckten Freuden, Ängsten und zur Wut gibt es kein Durchkommen. Danach muss man sie fragen, oder wenn man sich das nicht traut, muss man einer von ihnen werden, ein Agent. Dann kann man sagen, es rieche nach Hafen, obwohl der nicht mehr benutzt wird. Kann den Gestank von fauligem Holz beschreiben, von Seetang, Öl und Fischscheiße, wenn es die gibt, und dass man sich frage, wie lange die Welt noch nach uns riechen werde, wenn wir verschwunden sind. Man kann vor laufender Videokonferenz feststellen, dass ein Meer von klanglichen und geruchlichen Kulissen verschoben werde, bevor sich die Dinge ändern, bevor sich das Licht ändert, in dem wir sie sehen.

Gestern früh, als die Hunde schon lange die Katastrophe angejault hatten und die Gullis nach ängstlichen Achseln rochen, war ein Hotelschiff vor dem Horizont aufgetaucht. Es hält sich seitdem halb abgesoffen in einer beachtlichen Schräglage und geht nicht weiter unter. Die Bilder von der Unglücksstelle waren der letzte Verweis auf eine intakte Nachrichtenfluss. Ein Stream von der Mole, aus der Hafenverwaltung und von Deck, dann tote Leitungen. Bilder von Polizisten, die in Bergsteigermontur an Seilen auf die Oberdecks klettern, Bilder von Unterwasserkameras, ein trübes Casino und schwebende Spielkarten. Der Teppichboden von seinem Plötzlichen Unsinn im nassen Grab überrascht und unverdorben wie die Haut im Gesicht, direkt nachdem das Herz aufgehört hat zu schlagen. Bilder von schrägstehenden Menschen mit Bildschirmen in ihren Händen und ohne Blick für die Kameras. Offene Kabinen und in eine gemeinsame Richtung hängende Türen, in einem der Türrahmen eine Reporterin in Bikini und Flipflops, in Diskussion mit einem Kollegen über den Synchronitätsverlust beim Videoschnitt, er mit einem flauschigen Handtuch um die Hüften und versonnen am Bügel seiner Hornbrille nagend. In ihrem schiefen Redaktionsraum: der Pressesprecher eines nachrichtendienstlichen Außenpostens um etwa 20 Grad geneigt, Fragen und ausweichende Antworten zur Lage an Bord und in der Stadt, diskutierende Journalisten mit Handtüchern über ihren Schultern und davonschlendernd, weg aus dem fragenden Bild einer Kamera. Dann war die Verbindung abgebrochen.

Ich habe am Telefon nicht nachgefragt, wie es ihnen gehe, ob alles in Ordnung sei, oder wen es erwischt hat. Sie haben gesagt: „Bleib zuhause, traue niemandem, der seinen Körper durch die Straßen schleppen muss! Auch wenn sie wohl erzogen sind, die Zellen in ihren Körpern haben kein Gewissen und sie drängen auf Nahrung. Traue nur der Stimme aus dem Himmel oder auf den kleinen Zetteln in der Gemüsekiste! Hab Vertrauen in den Äther, auch wenn er mal schweigt, wir holen dich da schon raus und zu uns aufs Schiff, aber erzähl noch ein bisschen aus dem Verhau!“ Ich habe irgendetwas vor mich hingemurmelt, dass ich schon weiter liefern würde, etwas vom Trinkwasser und vom Strom, ach ja, Solarzellen und so weiter und dass ein Ventilator gut wäre.

Dieses Schiff. Die liegt eine kleine Welt auf Grund, in jeder Kabine versuchen sie sich heimisch zu fühlen, stricken sich ein Bild von der Lage zusammen, bezweifeln was ihre Konkurrenten gemeldet haben, übertrumpfen es, regen sich darüber auf und fürchten sich davor. Bald wird man sich die Legende von irgendeinem jungen Tier hier in der Stadt erzählen. Wie süß es sei, wie hoffnungsfroh und dass es eine bessere Welt verdient habe. Sie werden dahinschmelzen vor Zuneigung und kleine Püppchen aus Speiseabfällen basteln und nach dem vermuteten Vorbild an Land. Erste Gehversuche eines frischgeschlüpften Geißleins aus sechzigtausend Fuß, oder ein Bärenjunges, das aus dem Zoo entflohen ist und schreckhaft durch die Parks irrt. Niedliche Vierecke flimmern auf allen Kanälen, legen sich schlafen und tragen unsere Träume auf ihren leuchtenden Schultern oder Kanten. Bis sie ausgewachsen sind, dann verschwinden sie zuerst in Ungnade, dann in einer flimmernden Rauchwolke. Bis dahin soll ich aus meinem Wohnzimmer berichten und vom Dach. Von dem Dunst den sie da draußen auf dem Schiff nicht riechen können und davon, wie er die zwei oder drei Stadtviertel den Hügel hinauf und sieben Stockwerke bis durch die Ritzen der Wohnung kriecht. Eindrücke von der Stille in den Straßen, die nicht mehr von der Hitze herrührt, sondern vom High-Noon, von der Gefahr hinter jedem spaltbreit geöffneten Fenster und hinter jeder Ecke. So eine Stille hört man nur, wenn man in ihr sitzt, ihr ausgesetzt ist. Wenn es im Dschungel still wird, wissen alle: gleich greift der Tiger an. Auf Tonbändern ist solche Ruhe vor allem langweilig, davon kommt nichts an auf den schief im Wasser liegenden Decks. Man hört nichts, riecht nichts und ist geil drauf. Ist geil auf alles, was man ahnt, geil auf die Stadt, die heimlich unter ihrem Rock mit sich spielt und sich ritzt, geil auf die Langeweile der Anderen und auf das, was aus dem Herzen der Katastrophe kommt.

In mir sitzt ein Wunsch, das alles vor sich zu lassen, es als eine bestimmte Epoche oder Zeit zu sehen, die sich aus der Zukunft bis vor meine Haustüre geschoben hat und jetzt anklopft. Zu erklären, ich wolle dieser in Not geratenen und unbewusst verwzeifelten Zeit nicht aufmachen, sie sei gebannt im Schock von sich selbst, sie starre fassungslos in ihren Spiegel, mit einem Spuckefaden am Mundwinkel und spreche über andere Zeiten, als diese und jene Zeiten, ist sich keiner Verantwortung bewusst, wo sie doch eigentlich weiß, dass man von ihr einmal so sprechen wird. Aber sie weiß nicht, wie sie sich dazu verhalten soll, was sie aus sich machen soll. Die Zeit hat keinen Willen, das hier, dieses bewusstlose Gemeinwesen hat keinen Willen und es schaut sich dabei zu, wie es voranprescht, als ein unbeholfenes, wildes Knäuel voller Aufputschmittel – ein schreiender, schlagender, tretender und sich mit hundert Messern und Kugeln durchbohrender Ratten- oder Sonstwaskönig. Gut, zugegeben, mit stillen und vermeintlich friedlichen Flecken hier und da. Diese Wohnung ist so ein stiller Fleck, dieses ganze Haus. Ab und zu hüpfe ich aus meinem Fleck empor, wie ein Floh aus dem Hundefilz, ein Stück weit übers Geschehen. Dann schreibe ich auf was ich sehe und verschwinde wieder im Tumult. Ich klebe meine Notizen auf ein Stück Pappe und wenn sie mich anrufen und dafür bezahlen, stelle ich mich aufs Dach vor meine kleine Kamera und lese ihnen oder der Linse und einem kleinen, schwarzen und unverwüstlichen Plastikkoffer mit Antenne vor, was auf der Pappe steht.

Für heute vielleicht etwas vom Bettlaken. Die Nächte sind zu warm für eine Decke, ein Tuch genügt. Irgendwas muss nachts auf der Haut liegen, ich unter irgendwas, das ist beruhigend, auch wenn es sogar dafür zu heiß ist. Eine große Falte, eigentlich schon eine Welle. Ich kann die einzelnen Fäden im Gewebe sehen, schicke, wie es Kinder tun, eine eingebildete Karawane libyscher Nomaden über die Matratze, lasse sie über Fusseln stolpern, an den Reifen ihrer Jeeps kampieren, Kaugummi kauen. Dann etwas von draußen, vom Wetter das schwül ist, von meinen Schenkeln die aneinander kleben und von den Straßen die ihren Staub in warmen Wirbeln in den Himmel und durch die Ritzen im Rollo wehen. Es wäre mal absurd gewesen, wenn sie im Fernsehen mit einem Mikrofon in flauschigem Hasenfell auf windigen Dächern gestanden hätten und den Leuten ihren Wunsch nach dem Ticken einer Uhr, oder nach einem tropfenden Wasserhahn als Nachricht verkauft hätten. Aber was wäre nicht alles mal absurd gewesen. Der Wunsch nach blanken Nerven ist ein Funken vom Gesamtwünschlein, der Apathie zu entkommen. Soll ich ihnen das wirklich erzählen? Vielleicht noch mit einer Sonnenbrille auf der Nase, auf einem Barhocker mit übereinandergeschlagenen Beinen, den schlaffen Oberkörper von den verschränkten Armen auf den Oberschenkeln abgestützt? Oder gleich wieder Schlaf und über das alles hinwegträumen. In der Nacht musste ich pissen und wusste noch was ich geträumt hatte. Ich konnte die Gesichter aufzählen und die Orte. Es gibt da ja keinen Schnitt wie beim Film. Die Landschaften, die Städte und Häuser sind was sie im einen Moment sind und dann sind sie im nächsten Moment was sie dann sind. Nicht der Ort passt sich seiner kommenden Aura an, die Aura kommt eben, erhält mit neuem Personal und neuem Gerät Einzug und verleiht dem Ganzen eine veränderte Stimmung. Sie schiebt ihre Kulissen vor den Augen des Träumenden mitten ins Geschehen. Gar nicht so anders als ein schockierender Anruf während eines Spaziergangs, eine unvermittelte und besonders gute, oder besonders schlechte Nachricht. Die Bäume, Häuser, Zäune und Pferde am Wegesrand ändern sich nicht mit dem Eintreffen der Botschaft. Weil sie aber mit einem Mal eine ungleich bessere oder beschissenere Welt bewohnen und sich dazu nicht verhalten, ignorant sind, lastet auf ihnen plötzlich Schuld, Unschuld oder einfach Dämlichkeit.

Im Dunkeln auf dem Klo wusste ich noch, was im Traum stattgefunden hatte und wo ich hingehörte. Ich war wohl zu müde oder zu schockiert, um es mir aufzusagen. Die klaren Eindrücke aus dieser Nacht sind jetzt verschüttet im wilden Geröll nachgefolgter Unfassbar-, oder Belanglosigkeit. Übrig bleibt nur eine cremige Emulsion aus zusammengeschlafenen Erlebnissen: rosa Nebel, Freude, Angst und zu Hause, viel viel zu Hause. Man war wo, wo man schon viele Male gewesen ist und selbst wenn es dort finster oder traurig war, war es doch besser als das hier. Der Tag tönt ein bisschen lauter herein als die Nacht. Tagvolk hat mehr Köpfe als die Nacht, oder es lärmt gegen eine dunkle Übermacht an und will sich der für stärker verkaufen, als es das eigentlich ist. Wieder bellen die Hunde, quietscht ein Reifen, oder ein Vogel, antworten Vögel, antworten Hunde, brüllt jemand fernes Vulgaritäten, oder es fallen knackend Schüsse, mal nah, mal fern. Die Kacheln auf dem Boden sind jetzt weiß, oder etwas ähnliches, spiegeln die Ecken des Raums wider, spiegeln Wandflächen, die Zimmerdecke, etwas bräunlich ein Regal – das Regal –, etwas dunkel eine offenstehende Tür und viel heller, obwohl es ein diesiger Tag ist, das Fenster mit dem Rollo. Der Wind weht schwach, die Lamellen klappern schwach, das Licht ist stark aber ohne Richtung, die Dinge werfen keine Schatten, liegen verloren im Dunst. Dieses Zimmer ist also mein Zimmer, die Wände stehen schützend an ihren Plätzen, wenden sich keusch von ihrem Bewohner ab. Ich soll zwischen ihnen alles tun können oder es sein lassen, sie würden bleiben was sie sind und wie sie es sind. Wenn ich nach dem Gähnen nicht aufstehe, ist das nicht die Scheu vor dem Raum, oder diese verwirrte Scham, die jeder kennt, der auf der Parkbank vom Lichtkegel einer polizeilichen Taschenlampe geweckt wird. Es ist einfach nur – oder immerhin – ein bisschen Angst, was mir da für eine Welt blüht. Den Schlaf mag sie geduldet haben, aber manche Strafe wartet eben auf einen bis man wach ist und das Bewusstsein einen Vorwurf oder eine einfache Beleidigung aufnehmen und sich klein und schuldig fühlen kann. Am besten weiterschlafen und so tun, als würde man den ganzen üblen Zauber verpennen. Oder Kind sein, nicht schuldfähig, alle Verträge mit einem Smiley unterzeichnen, große Augen machen nicht nur auf den Fotos, mit Rehaugen in die Abgründe, bei der nächsten Salve die Lippen einen Spalt breit geöffnet, laszive Söldner, Ureinwohner ihrer Arbeit statt verbissene Erbsünder. Dann die Hand zur Faust und dann Zeige- und kleinen Finger rausstrecken, als wäre die ganze Ödnis und das Gebuckel Rock´n´Roll oder großes Tennis. Macht wach, ein kleiner Zorn am Morgen. Aufsteigen durch Abkotzen, ein altes Raketenprinzip.

Die Erinnerung kehrt zurück, ich bin hier, wirklich, das ist kein Traum. Da draußen liegt wirklich ein Schiff und auf die Wohnungstür ist eine Stahlplatte geschraubt worden, beschusssicher und feuerfest. Die Stunden von gestern sind zurück, nackt an eine Wand gelehnt, oder stumm liegend hochglotzen zu den kränkelnden Stromleitungen an der Decke. Seltsame Wirklichkeit. Was wirkt denn da? Warten, dass doch jemand dieses Gebäude stürmt und selbst wenn wir nichts aneinander auszusetzen hätten, mich loswerden müsste, weil man nur sicher sei, wenn man allein sei mit seinen Wänden? Ein Appartement, verstaubte Solarplatten und ein paar tausend Liter Wasservorrat auf dem Dach, ich habe die Schlüssel und Ausgangssperre, habe seit gestern eine Stahlplatte mit zwei extra Riegeln an der Wohnungstür und Angst vor den Einheimischen. Da kommt so einfach niemand durch, nicht durch die Platte und nicht durch die Angst. Die Sachen in meinem Versteck wären die Strapazen nicht wert, so eine Hürde zu überwinden und ich bin hier keine Freundschaft wert. Wirtschaftlichkeit im Diebstahl ist es, wenn die Beute alle Kosten deckt – das diebische Werkzeug und die Sorge, erwischt zu werden. Aber die Zellwände in den Körpern denken nicht an Wirtschaftlichkeit, sie kennen nur Osmose und spüren deren Druck. Das Erdgeschoss soll mit Sandsäcken verbarrikadiert sein und von Söldnern oder Sprengfallen bewacht werden. Ich habe mir das noch nicht angeschaut, war nicht mehr vor der Tür seit dem Anruf. Sie hatten gesagt, die Stimmung wäre umgekippt, der Tod sei aus den Poren der Häuser gekrochen. Das Problem: der Tod will einen gar nicht verjagen und fremde Wohnungen erobern. Die Zeiten, in denen man sich Zutritt verschafft hat, sind vorbei. Heute stopfen sie sich, ein Auto oder einen Freund voll mit Sprengstoff und jagen sich und den ganzen verhassten Häuserblock in die Luft. Kein Interesse an Tresoren, kein Interesse einer heilen Welt, noch nichtmal am Wasser. Interesse nur an Zerstörung und am Jenseits. „Fahr zur Hölle! Und wenn es sein muss, komme ich mit.“ Die Zellen spielen verrückt. Hinter dem Rollo, zwischen den dünnen Blechen lugt die Stadt durch und das Meer. Scheiße, das ist bloß das Mittelmeer. Das war mein halbes Leben lang nur das Mittelmeer und jetzt riskiere ich eine Kugel in der Stirn, wenn ich diese Lamellen ein Stück weit auseinander spreize, um auf den glitzernden Horizont zu schauen. Wir sind hier früher in den Urlaub gefahren, haben schlechtes Eis am Hafen gegessen und abends zum Essen in den Altstädten und zur Feier des jeweiligen Tages, eine Hose mit langen Beinen angezogen, ein Hemd mit Knöpfen und keine Sandalen. Früher waren auch die Schiffe noch Hotels und wenn eines auf Grund gelaufen und gekentert ist, dann haben alle geweint und den Schuldigen gesucht. Da draußen vor der Hafenmauer liegen diese 2000 Betten schräg im Wasser, die Fahrstühle sind kaputt, die Casinos sind geflutet, zwischen aufgedunsenen Leichen faulen Spielkarten unter Deck und tief im Labyrinth des aufgelaufenen Dampfers haust eine Bestie oder eine Vorstellung, die Nahrung fordert und Achtung vor ihrem Territorium.

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profaner Glühwurm / unboxing das Ende

Äußerer Ring der Absperrung. Sie haben das Zentrum in Zonen aufgeteilt, von außen nach innen immer undurchdringlicher, tödlicher. Auf alten Grafiken ist der Wirkungskreis von Bomben so dargestellt, in der Mitte alles tot, dann nach außen hin und über mehrere Stufen von Verletzung bis zu einem erträglichen Maß an Schaden und bis zur heilen, verschonten Welt. Mit der roten, gelben und grünen Farbe nicht darstellbar: der Horror selbst jenseits der grünen Farbe und abklingender Winde von der Explosion und den Bränden. Der Stau hat vorhin begonnen und da hinten, ein paar Meter weiter oben, auf Höhe der Brauerei. In mir ist davon nicht viel übriggeblieben, woran kann ich mich schon erinnern. Von der Tür des Arztes bis zum Kesselhaus hatten mich die Autos überholt, dann waren sie ein Stück mit mir gleichauf gerollt – neben mir eine weiße, tiefergelegte Limousine mit schwarzem Dach und venezianisch verspiegelten Scheiben im Fond. „Bang Bus“ und eine Internetadresse, ich kenne den Namen vom Wichsen, die fahren durch Städte und filmen Leute beim Sex auf dem Rücksitz. Sie fahren gerne durch Staus, weil man im Schritttempo ein klareres Bild von der Öffentlichkeit im Hintergrund hat. Dann ist das Filmset hinter mir zurückgefallen, sind die Abstände zwischen den Karossen geschrumpft, immer dichter, bis sie schließlich als regungsloses, warmes, Blech an mir vorbeigezogen sind. Kein Hupen, niemand hat gehupt, an einer Straßensperre mit Polizei und Soldaten kann das tödlich sein. Noch ein Stück weiter haben sie ihre Motoren ausgeschaltet und die Wagen im Leerlauf weiter rollen lassen, bis sie an der Reihe waren. Eine wurstige Schnur aus Blech und Kunststoff, an deren einem Ende der Kontrollpunkt, die Uniformierten an große, für andere Zwecke gefertigte Teile aus Beton gelehnt. Tonnenschwere, mannshohe und höhere Teile, einst für einen Schacht oder Kanal gegossen stehen sie jetzt da, quer über die Fahrbahn mit drei Lücken für Autos und Fußgänger. Unter die Erde hatten sie es nicht geschafft, stattdessen legen sie sich selbst und etwas anderes offen – eine arge Zeit, in der die Berufsgruppen einander die Vorratskammern plündern, die Armee reicht ihre Engpässe ans Baureferat weiter. In den Autos gelangweilte Gesichter, die Hände schlaff aus den Fenstern baumelnd oder mit ein, zwei Fingern kraftlos und schwitzig an die Lenkräder gehängt. Rastlose Gesichter auch, aber schicksalsergeben in ihren Gehäusen wartend, manche rauchten, andere starrten nach unten zwischen ihre Beine, klopften und rieben die Telefone auf dem Hosenschlitz oder in der Mulde eines Rocks. Eine Straßensperre seit ein paar Wochen in dieser Straße, die obere war nur für Autos, weiter unten werden auch Fußgänger durchsucht. Wer eine große Bombe hat, zu schwer, sie am Körper zu tragen, durfte bis zur ersten Sperre vorrücken und nicht weiter. Über den Dächern der Blechwurst wirbelte heißte Luft, im Rückblick, stadtauswärts und bergauf: drei Ketten flimmernder, erst leicht gewölbter, in der Ferne absurd verzerrter und glänzender Kissen. An der Sperre selbst wollte die Haltung der Wachen deren martialischer Aufmachung nicht recht entsprechen. Lässige, müde Körper mit der Befugnis zu schießen, in viele Lagen aus Stoff eingepackt, in Keramik, Plastik, wieder Stoff und garniert mit diversen Schnallen und schaukelnden Gegenständen. Die einzelnen Ringe der schweren Hüllen – Tiefschutz, Weste, Schulterklappen, Halskrause, Helm – waren aufeinander getürmt, wie lose Abschnitte eines Rohres, trugen sich zu einem Teil selbst. Sie drückten dafür um so kräftiger auf die Fußsohlen der Krieger, auf dem Bau sagt man „die Last in den Boden ableiten“. Sie haben gelangweilt und mit dem gestreckten Zeigefinger neben dem Abzug Neuwagen durchsucht, oder wann habe ich aufgehört zu unterscheiden, zwischen heute und vor vier Jahren, wer kann schon von den Linien der Karossen ablesen, wie alt die Dinger wirklich sind? Sie haben Sitze hochgeklappt, wo es nichts zu wühlen gab, Blicke in Handschuhfächer geworfen, wo es was zu wühlen gab, den Inhalt komplett in eine flache und scheinbar eigens zu dem Zweck entwickelte Kunststoffschüssel gefegt und an einen Kollegen gereicht. Einer der Uniformierten schüttelte etwas neben seinem Ohr, ein Plastikdöschen mit Kaugummis, oder ein Medikament. Der Mann erkennte das Geräusch, war der Ansicht, da sei nichts fehl am Platz, dann hat er es zurückgelegt. Hängengeblieben ist nicht viel, ich weiß noch, die Eigentümer haben ihren Wagen nichts hinzugefügt. Sie hatten nur das Nötigste dabei, keine Laken, Decken, leeren Flaschen, oder anderen Kram, alles im Urzustand belassen und wie frisch aus der Fabrik. „Natürlich“, wenn man sowas über ein Auto sagen kann, so wie das Werk es schuf. Oder wenigstens den Wert des Blechs so lang als möglich oberhalb einer schmerzlich niedrigen Marke zu halten. Einer der Durchsuchten, stand in kurzen Hosen neben seinem Wagen, ein dreiteiliger Anzug auf zwei Kleiderbügeln in den Händen, die Bügel in der Rechten und der Linken und nach rechts und links von sich und leicht über sich gestreckt, damit man den Anzug inspizieren könne, damit der Anzug nicht den Boden berühre. Ich bin vom Fahrrad abgestiegen und habe es auf den Posten zu und durch die Absperrung geschoben, zu zeigen, ich möchte kooperieren, dass wir an einem Strang zögen, auch freundlich grüßend.

Das ist also die Schleusenkammer. Die überwundene Absperrung hat ihre Bedeutung erst gewonnen, als sie durchschritten war. An ihr streift man alle Rechte ab, verlässt den öffentlichen Grund und steht auf einem Prüfstand, ist zur Hälfte geduldet, zur Hälfte verhaftet. Bauch und Blick des rechtlosen Besuchers merken das eher, als dessen Stolz. Er ist haltlos, dafür von allen Leinen gerissen. Im Bauch ist Aufregung, in Brust und Nacken wird sie und der verlorene Blick hinter Haltungen von Eroberern verdeckt. Wir kennen das Gefühl, es ist uns peinlich und wir wollen da ungern von uns in der Einzahl sprechen. Es ist das Auftreten lakonischer Väter vor dem Einstieg ins Flugzeug. Ohne sie und überhaupt ohne Passagiere flöge es sich viel besser, wir sind schrecklich aufgeregt, gaukeln dabei uns selbst und den übrigen Reisenden das Selbstverständnis eines unverzichtbaren und etwas gelangweilten Schaltkreises vor. Blick und schreitendes Gestell ohne jeden Halt, oder nur mit dem von erinnerten Gaukeleien. Der Blick leuchtend in den Farben von gerade eben noch, eine oder zwei Hausnummern weiter vom kommenden Geschehen weg, aber ohne Verständnis von den Zusammenhängen der Straße. Würdevolles Gebrabbel, bekannt vom Flughafen, auch bekannt von Niederlagen und Niederschlägen in der Öffentlichkeit. Es ist merkwürdig, aber da ist nichts Unbekanntes daran, die Knetmasse in meinem Bauch hat keine fremdartige Wirkung. Vielleicht eine Beschleunigende, Ablenkende: in Gedanken so weit als möglich vorpreschen in jede Richtung die sich anbietet, nur nicht aufs eigentliche Ziel zu, auf die Umarmung des Gesichtes aus dem Fernsehen und spüren, dass es wirklich ist und auf einem warmen und wohl etwas angespannten Körper sitzt. Aber weg von da, auf dem Weg nach unten kein Gedanke ans Ziel. Würde ich jetzt Auto fahren, hätt´ ich´s mit der Angst zu tun, würde die Bremse durchtreten, das Lenkrad umklammern und schwitzen. Aber diese Füße tapsen weiter, das Ganze scheint stabil, die Sinne geben unbrauchbare Meldungen von sich und trotzdem herrscht Gleichgewicht, bin ich austariert, ich sehe Vorhänge. Improvisiert, hinter einem absolut gewerblich anmutenden Fenster im zweiten Stock eines absolut gewerblichen Mietshauses, auf der anderen Straßenseite. Das alles erst gleich oder demnächst, jetzt noch unbenannt, die Vorhänge, das Stockwerk, das Fenster und so weiter. Das alles nicht es selbst, das alles eine Kulisse für die Eltern: sie haben sich beim Einkaufen kennengelernt. Das zweite Stockwerk, ich habe meine Kindheit in einem zweiten Stockwerk verbracht, die Eltern drängen mit einer Fleischtheke ins Bewusstsein, da waren sie sich zum ersten Mal begegnet. Als erwachte ich aus einem Traum mit dem Gedanken an sie, wie an eine dringende Erledigung, die zwar durchaus irgendwann anstünde, doch weder unmittelbar in diesem Moment – sagen wir mitten in der Nacht –, noch am folgenden Morgen. Eigentlich alles in den selben Farben wie zuvor, die Straße und die Häuser mit der selben staubigen Helligkeit des spätsommerlichen Mittags: jemand hat die Kulissen vertauscht. Dieser Spruch, „im falschen Film zu sein“. Der Film ist nie der Falsche, er zieht nur oft an den verkehrten Kulissen vorüber. Sie wurden vertauscht, gezielt oder etwas wirft einen Würfel.

Ich war um fremde Schwere geschlichen, ungerührt durch andrer Leute Mühsal. Sicher mit einem heimlichem Ziel, denn jede Strömung führt auf etwas hinaus, auf ein Meer, eine Mode, eine Pleite usw. Dafür ohne nach wild durcheinander rufenden Erfahrungen navigieren zu müssen, die einst gemacht worden sind und mit keiner anderen, als einer zeitlichen Sortierung unter einem Berg aus ihresgleichen verschwanden. Eine alte Stimme hätte es flatterhaft genannt, bis dann gerade eben und unversehens dieses kleine Licht aufglimmen sollte, das in der Manier eines Glühwurmes kaum etwas erleuchtet außer sich selbst. Über den Lichtpunkt sagt die alte Stimme: „Ja natürlich, wann macht man denn heutzutage überhaupt irgendetwas, ohne dabei wenigstens eine Kleinigkeit einzukaufen? Ich bitte Sie, das war im Herbst ´77 auch nicht anders, na klar, die Eltern haben sich also beim Metzger kennengelernt, daran ist nichts verwerflich und an Überstandenes zu denken – eigene Geburt et cetera –, ist nur normal, wenn´s unübersichtlich wird. Sollten wir nicht das Wort Vergangenheit streichen und von Überstandenheit sprechen?“ Ich mag die Stimme nicht, aber sie hat Recht. Wenn der Überblick fehlt und trotzdem alles auf eine absurd gewordene Entscheidung drängt, dann fangen wir an, uns mit der eigenen Herkunft zu befassen. Oder wenigstens mit dem Elternhaus. Ein Schleichweg um voran preschende Zeiten und deren, zum Teil erstaunlich ruhigen Laufschritts dahinziehende Träger. Eine Lücke zu sich selbst, zurück in die Kindheit, oder in die letzten Jahre davor. Sich finden und so weiter, das ganze Geseier vom inneren Frieden und so weiter. Dabei geht es doch nur um ein endoskopisches Blinzeln in die eigene Biografie. Sagen wir ruhig, es gehe um Feigheit. Sind wir mal nicht so garstig und nennen es lieber Erschöpfung. Wir sind´s müde, haben den Fortschritt sich selbst überlassen, Geschäftemachern und Waffenschmieden. Manche gehen auf ihrer Suche nach innerem Frieden über Leichen. Junge Männer machen es wie früher, lassen sich einen Bart wachsen und fahren mit einem rostigen Kombi voller Sprengstoff auf den Markt. Andere junge Männer machen es auch wie früher, stehen stramm, setzen sich vor ein paar Bildschirme und sprengen die Bärtigen am anderen Ende der Welt in die Luft.

*

Ein Geräusch von früher: ein Fernseher. Man kann das unterscheiden, wie ein Fernseher klingt und wie das Internet klingt. Das ist keine Straße, da draußen ist keine Straße, hier ist drinnen, drinnen gibt es keinen Himmel, nur eine billige Zimmerdecke aus Holzimitat. Dürre, bräunliche Platten aus Kunststoff, ein Quadrat aus Aluminium, groß wie ein Suppenteller und in die Decke genietet, mit Lamellen aus Aluminium und fettigen Staubfusseln, eine Klimaanlage. Jemand muss vor dem Fernseher sitzen, das heißt, eigentlich muss niemand vor dem Fernseher sitzen nur weil der läuft. Ein Fernseher der alleine läuft ist beruhigend, einer der nicht läuft, ist beunruhigend, egal ob mit oder ohne Zuschauer, ein ausgetrockneter Kanal ist beunruhigend. Da schnauft jemand, rückt sich auf einem Sessel, oder in einem Sofa zurecht, ein Schuh oder Stiefel tritt auf, dann ein zweiter, das Geräusch von dünnem Boden, billigem Boden, wieder Kunststoff, oder billiges Blech. In einem Flugzeug, einem Waggon oder in einem Wohnwagen. Kein dumpfes Rollen der Kugellager, keine Turbinen, kein Motor außer der Klimaanlage, ein gestrandetes Haus. Auf den Stiefeln lastet ein halber Mensch, jemand hatte die Füße hochgelegt, sich dann etwas aufgesetzt und sie zurück auf den Boden gestellt. Aus dem Fernseher spricht eine Stimme auf Englisch, Nachrichten, zuerst aus dem mittleren Osten, dann aus dem mittleren Westen, Selbstmordattentat und Football. Ich kann den Kopf nicht bewegen, kann nicht nachsehen. Es muss hell draußen sein, durch ein Rollo schneidet Wüstenlicht in den Raum, kein Vogel zwitschert, es hört sich brütend heiß an, jemand hat die Kulisse vertauscht. Aus dem Fernseher heißt es, der Attentäter habe direkt nach dem Morgengebet zugeschlagen, zu einer Stunde als das größte Gedränge auf dem Markt geherrscht habe. Der Fernsehende, oder sie, regt sich nicht. Eine Hochschulmannschaft habe einer anderen Hochschulmannschaft eine vernichtende Niederlage beigebracht, Jubel, Befehle vom Spielfeld- oder Bildschirmrand, dann aufeinander knackende Kunststoffhelme. Wieder keine Regung. In einem dieser Videos der bärtigen, jungen Männer, war einer von ihnen auf dem Teppich gesessen, vor einer Fahne mit Schriftzeichen wie Krummsäbeln und mit Krummsäbeln, der Junge alleine umringt von Gewehren und Patronen. Er sah ängstlich aus wie er da seinen Text aufgesagt hat, verunsichert. Im Hintergrund hat dann ein Handy geklingelt, Für Elise aus 8-Bit tiefen Tönen, dann Schnitt auf einen geparkten, weißen Pick-Up an einem entferten Straßenrand, dazu die Gesänge anderer junger Männer, eine Art Heldengesang. Ein Militärkonvoi fährt am weißen Auto vorbei, dann ein Feuerball, eine halbe Welt aufgewirbelten, grauen Staubs verschluckt das weiße Auto und die Spitze des Konvois, der stehen bleibt. In einem anderen Video von den großzügiger konstruierten jungen Sportler, hat einer von ihnen von seinem Arbeitsethos berichtet. Sein Hals wurde von Muskeln geschluckt, er saß an einem Mensatisch, vor sich ein Kunststofftablett, das aufgeteilt war in zwei größere und drei kleinere Abteilungen für Essen. Hack, Kartoffelbrei, Krautsalat, Rührei, Bohnen, alles gehäuft und über die ihm zugedachten Bereiche tretend, dass sich die Portionen an ihren Rändern miteinander vermischten. Der Mann gab Auskunft, er studiere eine Ingenieurswissenschaft und habe von seinem Vater gelernt, worum auch immer sich das Spiel drehe, man müsse immer dem Ball nachrennen, „Du sollst immer um den Ball rennen.“ Ein Windstoß ruckelt an einer Tür, Klappern von dünnem Plastik, Geruch von Staub. Jetzt wieder bei Sinnen, oder zurück auf der Straße. Auf der anderen Straßenseite klappert ein Fahrrad, ein Mädchen fährt es, ist zu jung um zu merken, wie man ihr nachsieht. Keine echte Empörung, aber eine Verschwörung der Gesichter: das klapprige Rad hat hier nichts verloren, also hat das Mädchen hier nichts verloren. Innerhalb der Absperrung ist innerhalb der Absperrung, ist der Boden geheiligt von den Besitzern der Mauer.

Ich junger Mann fühle mich noch nicht wie ein Mann, lechze nach früher und danach, ein Junge zu sein. Man kann es wie früher machen, kann sein Leben an dem der Eltern oder an einem Leben weit vor denen ausrichten und das ohne dabei jemanden in die Luft zu sprengen, oder einen Stolz. Zurückkriechen in die heile Jugend, die so beschützt war, so warm. Sich davon abzustoßen heißt, sich ins Kratzige zu stürzen, nach vorne oder in eine eigene Richtung, aber in die Kälte. Lähmender Frieden im kuschligen Bunker.

Die Sonne ist auf ihren höchsten Punkt gekrochen, hat sich und den Tag dort oben für einen Moment und eine halbe Stunde lang gestoppt, bevor sie uns mit samt unseren Ortes langsam zurück in die Dunkelheit drängt. Die Hitze der letzten Wochen ist vorbei – auch überwunden –, der Asphalt hat aufgehört zu schwitzen. Die Stimme: „Sieh nur, sogar im Sperrgebiet ein Unkrautjunges am Stromkasten. Man hat die Reinigungskräfte von hier abgezogen, weil die am ehesten wüssten, wo man etwas verstecken könnte.“ Der Geruch aus Teer und dampfendem oder langsam verglühenden Gras ist eine Sache von gestern, wir gehen wohl auf den Herbst zu, den scheint es noch zu geben. Auf den Kern der Stadt zu, mit einem Fahrrad an den Händen, die Häuser werden unwohnlicher und irgendwo im Gemenge lauern hier die Eltern, lauert der schmale Blick. „Der Kern“, das sagt man so, weil es das mal gegeben hat, in wenigen Häusern und von einer Mauer umzingelt. Heute stehen da Botschaften, Kaufhäuser und Hotels, Tempel für ein spukendes Zentrum, die Mauer war weg, jetzt holen wir sie uns zurück. Die Festungen sind schon lange beweglich, flüchtig, die Mauern haardünn und verzweigt. Unter uns ein Netz aus Rohren, bis in die hintersten Winkel unserer Gefilde. Es trägt Wasser und Scheiße überall hin oder weg, man könnte sich auch woanders treffen, oder zu Hause bleiben und sich trotzdem treffen. Ich möchte aber mit meinem Körper nicht allein sein, Besuche diese Orte immer wieder, halte an ihnen fest. Wir formen Einkaufszentren und Foyers nach den Vorbildern von Präsidenten- und Königspalästen und da treffen wir uns dann. Ich gehe in den Kern der Stadt und dieses eine bestimmte Gesicht aus dem Fernsehen wird da heute auch erscheinen. Nicht vor dem Rathaus, sondern vor einem Hotel. L´hôtel de ville, das Rathaus. Das Gesicht wird aus einem großen Auto steigen, vielleicht irgendwohin winken, dann zügig hinter dicken Glastüren verschwinden. So gehen zumindest die vielen kleinen Schauergeschichten unserer Tage. Als man diese Straße entworfen hat, war man nicht auf unsere Tage gefasst gewesen, hat den Teer direkt und ohne Haken vom Rand der Stadt her, die Anhöhe hinab und mitten in ihr Herz fließen lassen. Die Demonstrationen meiner Eltern waren auch durch den Kern gelaufen, immer an Wochenenden, wo man Leute beim Einkaufen gestört hat, aber nie eines dieser Treffen von mächtigen Gesichtern. Weckrufe in den Schlafgesang von Warenhäusern, keine Klingelstreiche an den Türen der Macht. Die Routen hatten weder das Patentamt gestreift, noch die Liegewiesen in den Parks, auf denen sich bestimmt der ein oder andere Gedanke mit dem Anliegen der Protestierenden vermengt hätte. Ich ziehe in die verschrumpelte Hülse des Stadtkerns mit einem Fahrrad, das sich gegen liebevolle Vereinnahmungen sträubt, sich in seiner Form opportun an die übrigen Fahrräder seiner Zeit lehnt und nicht klappert. Keine Wut, nicht angespannt, keine Spannung vor der Entspannung, ich nenne das Rad mein Eigentum, näher lasse ich das Ding nicht an mich ran. Der Weg führt nach unten, das ist gut, auf den letzten Metern bitte nicht rauf, das ist nur anstrengend und da gibt es nichts zu sehen, außer Dachschindeln und Kirchtürme.

Ein Geschäftsviertel im staubigen Dunst von Geschäftshäusern, zu viele Fenster um dahinter zu wohnen, überhaupt zu wenig „Dahinter“, eigentlich sogar da, wo gar kein Glas ist, wo der Beton vor Einblicken schützt. Transparenz heißt: nichts dahinter. Transparenz heißt: alles im Äther, venezianisches Panzerglas, verspiegelt, mit dem Blick nach draußen oder in südliche Richtung. Transparenz heißt: helle Haut und nichts darunter – helle, leere Farben.
Der Vorhang da oben im zweiten Stock war aus einem Betttuch improvisiert oder aus einer Tischdecke. Vielleicht aus dem aufgegebenen Kleid einer sehr dicken Person, ganz sicher aus irgend etwas, das sich mit seinen Besitzern in dieses Haus verirrt hat. Kein Büro und keine Tischlerei schützt sich mit einem Betttuch vor Blicken. Da müssen tatsächlich Leute wohnen, möglich, dass sie einander ficken, oder sich selbst hinterm Vorhang. Eine Wertminderung, ein Haus gebaut für die Arbeit, die es sich da bequem machen sollte, Arbeit, die zwischen den Gipswänden und Glasplatten fett und träge als ungewaschener Geist aus Kabeln, Menschenfleisch, aus Papier und aus rotierenden, magnetischen Scheiben heraus ihre Regentschaft vollziehen sollte. Fenster ohne Raum dahinter, oder doch mit Raum, aber zimmerlos, für jene Launen der Arbeit, die morgens eintreten und es den ganzen Tag lang nicht in die Schluchten zwischen den Häusern schaffen und nach draußen, wo es manchmal Wind gibt und wohin ihnen der Rest aus Kabeln, Papier und magnetischen Scheiben nicht folgen könnte. Mehr Licht für die Arbeit, mehr Licht als daheim. Die Stimme im Innern redet schon wieder so altklug daher, sie gibt Kommentare ab, redet wie ein Buch aus feindlichem Regal. Sie sagt Sachen wie „ach schau mal an“, „hab ich´s mir doch gedacht“ und „sieh einer an“. Die Stimme nennt ein Parkhaus beim Namen und dass man es also dort drüben gerade baue („Ach schau mal an, da bauen sie jetzt ein Parkhaus hin“). Sie sagt, dass ihr die Erinnerung fehle, was da vorher gestanden habe. Vielleicht ein anderes Parkhaus, oder ein anderer von diesen Bienenstöcken aus vorgefertigte Teilen, für kleine und mittlere Firmen und Büros. Durch eine Bretterwand kann man in die Grube schauen, da pumpen Arbeiter Beton in schmale, tiefe Löcher, sogar jetzt noch, wo es Sperrgebiet ist. Da werden wohl ab etwa übermorgen die Pfähle eines Fundaments auf ihre tragende Rolle warten, auf ein Parkhaus, oder ein Hotel, oder auf beides, dass man sich darin treffen könne und etwas entscheiden, oder sich oder einander ficken.

Die Stimme hält´s Maul, Gott sei Dank. Der Blick löst sich aus ihrer Umklammerung, hängt sich einem Kondensstreifen an, unter dessen ferner Ruhe die Straße verrutscht, mit ihren Fassaden – wer wird denn gleich von Häusern sprechen – und den übergalgenhoch gespannten Leitungen der Straßenbahn.

In der flüchtenden Spitze des hohen Dunststreifens sitzen 239 Menschen, vielleicht mehr, vielleicht weniger. Die mikroskopischen Gestalten rühren mich, ich weiß nicht ob beruhigend oder beunruhigend. So vollständig wie man selbst, sitzen sie fast 1000 Kilometer in jeder Stunde über uns hinweg, rutschen auf ihren Plätzen hin und her, tragen Aufregung, etwas Wohliges oder Kummer in ihren Bäuchen. Sie haben Bäuche, spüren Cola aus recht kleinen Dosen die Speiseröhre runterfließen, spüren wie das kühle Getränk den Magen erreicht, spüren wie sie sich auf etwas zubewegen, oder von etwas weg, je nachdem wonach sich das Gefühl gerade ausrichtet. Sie sitzen unsichtbar im unsichtbaren Kopf gefrierender Abgase – wie lange wird diese Stadt noch angeflogen werden? –, im tagein, tagaus und minutiös untersuchten und reparierten Fahrzeug, mit oder ohne Frage an uns hier unten. Welches andere, bewegliche Ding dulden und pflegen wir so gründlich und so lange, wie wir es mit Flugzeugen tun, 20 Jahre, 30 Jahre? Wir können das also, etwas in Schuss zu halten.

Plötzlich doch die schnelle Abkehr vom Himmel, zurück zur Stimme und ins dahin rollende Geschehen: vorne an der nächsten Straßensperre andere Uniformen als in meinem Rücken. An der Pforte zum Kern trägt man die kugelsichere Weste farblich auf die übrige Klamotte abgestimmt, bürgerliche Etikette gilt hier mehr, als Tarnmuster für bevorstehende Trümmerfelder. Das Geschmeide schillert seidig, vom Nylon, oder von schussfesten Fäden, es ist dicker geworden, aufgesetzte Nähte zeichnen die tief im Innern verpackten Taillen nach. Wir haben uns lange an diese Westen gewöhnt, denken da nicht mehr an einen Ausnahmezustand, oder an den deutschen Herbst. Wir denken an das Recht auf Berufssicherheit, an Maurer mit Rang- und Hoheitsabzeichen, Arzthelferinnen mit Schulterpolstern aus Kevlar, Tischler mit Nachtsichtgeräten. Die alte Stimme in mir ist nicht erstaunt über Tarifverhandlungen im Polizei- und Militärdienst. Ich halte das Fahrrad nichtmehr am Lenker, balanciere es mit einer Hand auf dem Sattel neben mir her. Die Fenster in der Straße bleiben heute geschlossen, im Sperrgebiet wird auf offene Fenster geschossen, es wird geraten, die Gardinen nicht vorzuziehen, den Scharfschützen auf den Dächern zeigen, dass man nichts im Schilde führe. Die liegen auf heißem Bitumen, stundenlang, warten darauf, dass etwas passiert, dass sie etwas entdecken, was eine Gefahr darstellt, oder eine Verdächtigung wert ist und eine Korrektur am Zielfernrohr. Sicherung und Abzug, sie machen zwei Mal den Finger krumm, dann knallt es, Kugel raus und in der Kreuzung zweier schmaler Linien geht jemand zu Boden, ein kleines, rosa Wölkchen weht davon. Zwei der Gestalten an der Absperrung tragen Helme in der Größe eines Reisekoffers, ihre Anzüge wie seidenbespannte Ofenrohre aus einem Traum. Sie sitzen auf dürren Klappstühlen. In ihren Burgen versunken reichen die Gesichter kaum bis ins Visier. Es ist befremdlich, ich spüre keine Angst bei ihrem Anblick, auch keine Traurigkeit, dass es soweit gekommen ist. Die gepanzerten Menschen haben sich ins Leben der Leute gemischt, sind dort aufgenommen worden wie rechtschaffene, vielleicht sogar wie lang erwartete, neue Nachbarn. „Kümmert´s mich?“ fragt die Stimme, als wüsste sie die Antwort ohnehin. Als würden wir nicht wenigstens auf derselben Baustelle arbeiten, die Wachen und ich, als verdienten sie nicht ihren Lohn damit, dass es solche wie mich gibt, als wären ihre klobigen Kleider nicht gemacht, eine Explosion heraufzubeschwören, ihr mit Ach und Krach standzuhalten, dann wie blutverschmierte OP-Kittel weggeworfen und von noch stabileren Sachen ersetzt zu werden. Wir arbeiten zusammen, es ist ihre Aufgabe, sich und die Klamotte auf mich zu legen, vom Knall in kurzem Ruck angehoben oder auf die Seite geschleudert zu werden und da in tiefer Entspannung liegen zu bleiben und glücklich, es überlebt zu haben. Ich weiß von ihr, aber spüre unsere Zusammenarbeit nicht, während ich hier meine drei Kügelchen durch die Absperrung schmuggle. Wenn niemand etwas reinschmuggeln würde, wäre all die Arbeitszeit der Wächter und der Transporteure von Befestigungsanlagen sinnlos abgeleistet, die Sperre wäre sinnlos. Da ist nichts zu spüren, keine Aufregung, ich bin abgestumpft in meiner Arbeit. Die Zeichen dass es um die Wurst geht, quaken laut an mir vorbei, wie ein Streit unter Enten auf einem Teich. Kein Zorn, keine Häme, die Stimme sagt nicht „wartet nur, gleich werdet Ihr Euer blaues Wunder erleben.“ Wenn das Vergehen nichts in mir bewirkt, ist es so unwirklich wie die Sperre selbst, haben beide, Sperre und Vergehen, den gleichen Sinn: sich aneinander zu erinnern, einander Wirklichkeit zu bleiben.

Ein unscharfes Bild von Krieg, unter königlich blauem Stoff keramische Platten gegen Splitter und Kugeln, ein Zaun und ein Sperrgebiet, das Gestalten schützt, die hier nicht erscheinen müssten, die hier erscheinen, um sich und ihren Feinden Wirklichkeit zu verschaffen, um angreifbar zu sein. Ab und zu steigen die Götter zu uns hinab und opfern einen der Ihren, oder geben sich eine kleine Blöße. Im Schaufenster einer Apotheke steht die Statue eines nackten Helden in Gips. Man nennt das Demokratie, den Völkern einen Herrscher oder ein Stück davon zum Fraß vorwerfen. Ein kleiner Gott für jedes Regal.

Jetzt, wo es bald soweit ist, stimmen mich die Kugeln im Bauch friedlich. Sie machen den Eindruck vom Weg ins Getöse so sanftmütig, die Ohren so weich, aus meinem Hals kommt eine Melodie, findet verschlossene Lippen, entwischt durch die Nase. Ich summe allen Ernstes ein Lied, oder eben nicht ernsthaft, sondern selbstvergessen genug, es erst mitten im Auf und Ab der Melodie zu bemerken. Kein Lied das ich kenne, aber freundlich. Eigentlich auch nicht freundlich, eher, oder ungefähr mit dem Gleichmut von diesen Windspielen aus Bambus, die mir immer zuwider waren, wegen dem selbstgefälligen Grinsen das sie einem entlocken, auch wegen ihrer Besitzer. Ein Lied und das Brummen von Motoren in niederer Drehzahl, Autos tröpfeln durch die Sperre, manche an denen ich vorbeigekommen bin, wurden abgewiesen. Sie rollen einsam und in großen Abständen durch den inneren Ring, als wären sie Nachzügler oder nach überhastetem Ausbruch noch einmal kurz umgekehrt, weil sie hier etwas vergessen hätten. Sie fahren langsam, ihre Lenker möchten nicht den Eindruck erwecken, sie könnten durch den zweiten Posten und ins Herz des Sicherheitsgebietes durchbrechen wollen. Das Sicherheitsgebiet. Auf den Plänen für Anwohner grün überdeckt, auf den Plänen für die Polizei rot. Grün gibt es nur auf Kosten von Rot, wo Sicherheit herrscht, schmiegen sich Finger an ihre Abzüge. Sicherheit kann nicht für ein Gebiet gewährleistet werden, kann gerade mal für ein Zimmer gewährleistet werden, für den Schlaf, das Mittagessen und für das Getuschel einer Handvoll Leute.

Die wenigen Passanten sind sich nicht einig, wie sie mit dem Zustand umgehen sollen: manche von uns haben die Bürgersteige verlassen, laufen auf der Fahrbahn, queren die Fahrbahn ohne sich nach den Autos zu richten, die immer noch tonnenschwer sind, deren Fahrer aber mit schamvoller Zurückhaltung jeden Vortritt gewähren, wo sie doch schon soviel Arbeit verursacht haben, bei ihrer Kontrolle. Andere Fußgänger behalten ihre Achtung vor der Straße, warten an roten Ampeln, schauen links und rechts, bevor sie von den Gehwegplatten auf den Asphalt wechseln. Der Ort hat keinen Takt und mein Lied ist zu verspielt, es passt hier nicht rein. Das ist eine Schleuse, da herrscht Konfusion, liegt Spannung an. Die Lage ist angespannt, nur noch wenige hundert Meter zum Herz des Verbotes. Hier in ihrem Hinterland, lernt der Normalität zaghaft das Streunen. Der Ort steht unter Strom, wir Passanten halten die Spannung: eine Seite zieht lose, apokalyptisch oder in Erinnerung an Straßenfeste durchs Geschehen, die andere Seite huldigt den Regeln von draußen und jenseits der Absperrung. Aber selbst die Losen unter uns üben ihren Alltag aus, telefonieren, haben kein verlorenes Auge für die Stimmung, blicken auf ihre Bildschirme, und tippen etwas ein. Das Ganze lernt zu streunen, nicht seine Teile, nicht seine Bewohner. Feinde dessen würden sagen, wir seien ins Schwimmen geraten. Sie lassen sich den Gehsteig und die Ampeln nicht nehmen, ich gehe mit ihnen, weil ich nicht auffallen möchte, ihnen nicht und nicht den Leuten am Abzug.

Die Luft schmeckt metallisch, wie sie sonst erst nach einem Gewitter schmeckt, oder wenn man aufgeregt ist, vielleicht doch Angst hat, mit ausgedehnten Umwegen eine Ankunft vermeidet, einen Ernstfall.

Die Stimme fragt: „Weißt Du noch, der Großvater?“ Er hatte meiner Großmutter ´42 auf einer Postkarte die knatternde Schönheit der ungarischen Puszta beschrieben. Durch einen Türschlitz seines Eisenbahnwaggons waren Stunden um Stunden wogende Gräser an ihm vorbeigezogen, Rehe, die sich in die Steppe verirrt hatten und schräg in den Himmel ragende Stangenbrunnen. Reitende Hirten, die von der Langeweile ihres Berufs in artistische Übungen auf den Rücken ihrer Pferde getrieben worden waren. Im Klappern der eisernen Räder und Gleisschwellen herrschte unter den verlausten Kriegern eine Ruhe, als habe es gegolten, dass jeder von ihnen allen Frieden aus sich und dem kratzigen Feldgrau kehre, ihn von sich ab- und in die Mitte des Wagens lege, bis sie die Wolga erreicht hätten. Da lag dann die geballte Friedlichkeit der angehenden Mörder dick in der muffigen Waggonluft. Der Opa genoss einen Ausblick, der ihm die Aussicht aufs Grauen verdeckte.

*

Vielleicht waren es die kleinen Läden, selbst Tags mit blinkenden Schaufenstern, vielleicht war es die Polizei: ja, meine Eltern haben sich beim Metzger kennengelernt, ja, sie lagen oft im Streit mit der Polizei. Man kann da schon mal an sie denken. Hier werden nur Schrauben verkauft, Werkzeuge und alte Telefone. Die Eltern waren gemeinsam, gegeneinander und kurz bevor sie einander kennenlernen sollten, um das letzte, gebratene Huhn auf einem Spieß angestanden. Die Ladenbesitzer müssten protestieren, wer soll ihnen, hier mitten im Sperrgebiet ihre alten Telefone abkaufen, welcher Handwerker wird sich am Kontrollpunkt anstellen, um ausgerechnet hier Schrauben und Nägel zu kaufen? Ein Gashändler sitzt vor seinem Laden und trinkt Bier. Diesmal ist die Kulisse am richtigen Fleck: man kann unter den Augen der Wachen Gas, Schrauben und Elektroschrott kaufen, aber wer wird denn schon gleich Bomben wachsen sehen. Die Kulisse ist wirklich gut gebaut, Leute vom Geheimdienst stehen hinter den Ladentheken und warten darauf, dass jemand sich verdächtig macht und bei ihnen einkauft. Der Gasmann wird von einer Lautsprecherdurchsage angesprochen: man blockiere jetzt zu Testzwecken für eine Minute den Mobilfunk. Das lässt ihn kalt, er trinkt ja nur Bier. Dafür blicken ein paar Fußgänger erschrocken auf, sie seufzen, rollen mit den Augen und stecken ihre Telefone weg. Ich spiele mit der Batterie in meiner Hosentasche und merke, wie die Hand schwitzig wird.

Die brutzelnden Hühnerhäute und das Paprikapulver haben ein Strahlen in die Gesichter der Eltern gezaubert. Begeisterung zweier einsamer Menschen, dass sie sich ein Stück Fleisch gönnen würden, banges Hoffen, dass es ihnen niemand vor der Nase wegschnappen möge. Das hier ist kompakt, obwohl ich es unmöglich gesehen haben kann, haben die Bilder einen deutlichen Rand, sind nicht mit anderem Schutt vermengt. Es ist gerade so, als wäre es gestern gewesen, oder vor einer Sekunde und ich mittendrin und in die Eltern gefahren im ausklingenden deutschen Herbst. Man nennt das Vorstellung, Imagination. Unser Wort dafür ist zu Unrecht abschätzig gemeint: Einbildung. In den Augen von Mutter und Vater und in ihren Nasen durch einen Kaufhof gehen. Vielleicht durch einen Hertie, auch und immer noch auf die ganz rote oder grüne Zone zugehen, ein Fahrrad an der Hand. Die Abteilung für Ramschbücher dünstet billige Druckerschwärze aus, Schwaden von hundert Parfüms ziehen die Rolltreppen herunter, aus dem Erdgeschoss, wo immer die Parfümabteilung ist und ins Untergeschoss, wo immer die Bücher und die Brathähndl sind. Die Käsetheke, an der – wer jetzt, ich, die Mutter, der Vater? – die Luft anhält, dann tief einatmen beim Fleisch und dem glühenden Elektrogrill. Geruch von verbrennendem Fett, Musik auch, damit die Geschäftsführung die Geräusche im Griff hat, man nicht den anderen Einkäufern zuhören muss, scheinbar ganz nah, oder eindringlich, dass nichts sonst einen Eindruck hinterlassen kann. Erst einen halben Augenblick bevor der Metzgermeister fragen würde „Für Sie bitte?“, tritt die Musik in den Hintergrund, in der zweiten Hälfte des Augenblicks dann ein Gruß, „Guten Tag“. Darauf weicht jener Verkäufer in gespieltem Gehabe ein Stück zurück, legt den Kiefer in ein Doppelkinn und blickt mit den Augen an uns herab. Er stellt klar, dass er weiß, wir seien nicht von hier und auch, dass wir hier nie dazugehören würden. Meine Eltern sind in mich gefahren, nein, haben da die ganze Zeit über geschlummert und drängen jetzt an die Oberfläche, wie eine Blase uralten Gases, das aus dem Ozean hervorquillt. Zuerst tauchen kleinere Bläschen auf, die sich zum wabernden Hohlraum gesellt haben – eingebildete Einrichtung eines Kaufhauses Ende der Siebziger –, dann, nach einer Weile sehen wir eine schillernde Kuppel auf uns zukommen, das sind die Eltern. Wir fallen schließlich beinahe in Ohnmacht, im Gas aus fauliger Vorzeit, von dem wir wissen, es war da unten, tief unter Wasser und in einem Grund, den wir, den unsere Vorfahren seit Saurierjahren nicht mehr berührt haben. In einer winzigen, oder gewaltigen Verschiebung des Blickes, oder der Geschehnisse, ist die Blase der Eltern aus der Tiefe hervorgequollen. Das ist nicht übertrieben, das Jahr 1978 zum Beispiel liegt unter Schutt und Asche begraben, wie ein ölgewordener, urzeitlicher Wald unter Erde und Stein.

Ein Sexshop, Musik kommt raus, kein Geschäft ohne Musik, im Kino schweigen die Zuschauer, im Laden und auf Klos tönt das Radio über den Furz. Die Auslage wirbt mit Sprüchen, Spiegelfolie, mit bestimmten Farben, denen etwas Lasterhaftes nachgesagt wird. „Alte Videos“, „Neue Videos“, „Toys“, „Ekstase“. In manchen Pornos kann man Leute sehen, die dabei gefilmt werden wie sie sich etwas in den Arsch stecken und dann, gekleidet wie alle Anderen, über einen belebten Platz gehen. Ihnen geht dabei heimlich einer ab, zumindest sollen wir davon ausgehen und das macht uns an. Aber die drei Knöllchen in meinem Darm erregen mich nicht, die Drähte jucken ein bisschen, scheuern da, wo die Haut ganz eng in ganz feine Fältchen gelegt ist. Darüber sollte man in meiner Lage besser nicht nachdenken. Was mich erregt: was denn wohl die Anderen in sich herumtragen. Eine junge Frau mit einem T-Shirt: „Born a Bomb“, als Bombe geboren. Anderweitig beschäftigt rutschen fünf Spatzen über die Scheibe eines geparkten Wagens. Die Vögelchen flattern nicht um die Drift nach unten zu stoppen, sie verschaffen sich eine Richtung mit der sie rechnen können. Auf ihrem Weg nach unten picken sie Mückenleichen vom Glas, die dort bei schneller Fahrt zermalmt und von der Sonne getrocknet wurden. Die Vögel bleiben ungerührt von der Szenerie und den wartenden Kugeln in den Magazinen. Sie flattern außerhalb der Frage, ob sie den Wert des Lebens hier, dieses Lebens, mehr oder weniger schätzen sollten, als den Wert eines Lebens am anderen Ort. Spatzen haben keine Sehnsucht, beneiden keine fernen Artgenossen, sind auch nicht froh, besser dran zu sein als sie. Sollte es knallen, würden sie aufschrecken und davonflattern, wie es Vögel seit jeher tun. Wenn dann später und aus sicher geglaubter Entfernung betrachtet alles vorüber schiene, würden sie zurückkehren und nachsehen, was übrig wäre oder was sich zu den Toten auf der Windschutzscheibe und anderswo gesellt hätte. Die Spatzen sind keine großen Wanderer, für sie bedeutet der Horizont den Tod. Sie geben ihr Haus erst auf, wenn es verschwunden ist, ihr Revier erst, wenn ihnen die Stunde schlägt. Dazu stellte seinerzeit ein Ornithologe Beobachtungen an. Er lag in Matschlöchern und arbeitete an seiner kämpferischen Auszeichnung, am eisernen Kreuz zweiter Klasse, am Ritterkreuz zweiter Klasse des Albrechtsordens mit Schwertern. Aus einem Graben nahe der Aisne-Front beobachtete dieser angehende Nazi die Vogelwelt im Trommelfeuer. Die Tiere machten keine Anstalten das Weite zu suchen oder den Frieden – Amerika! Sumatra! Stattdessen und als gäbe es zur tausendmal gesprengten Landschaft eine magische Verbindung, flatterten sie von Baumstumpf zu Baumstumpf, oder versuchten sie ihr Glück in ruinierten Häusern – unverdrießlich, als wären sie nicht schon fünf Mal dort gewesen, als gäbe es kein Gestern. Zuvorgekommene Artgenossen wiesen Nachzügler unter wildem Gezwitscher ab, Dr. Franz unterlag einem irrigen Vergleich mit sich selbst. Er nahm an, dass die Vögelchen Seelen besäßen und dass sich diese Seelen an den Schutt klammerten, der ihnen einst ein Nest war, so wie er selbst es in seinem schadhaften Graben, oder mit seiner Kindheit tat, in der er oft Prügel bezogen hatte. Die Spatzen werden bleiben, ob Krieg ist oder Sonntag, sie können gar nicht anders und werden auch nicht darum weinen.

Ich kann die Uniformen jetzt hören, ihre Ferne ist geschluckt worden. Dann Sehnsucht nach dem Weg. Die Reise war bis hier hin erfüllt von anderen Welten, aber alles Gerede von Einsicht, von Unausweichlichkeit, lüftet sich als bloßer schöner, oder enzyklopädisch bedruckter Schleier, wenn man etwas gegenübertritt, das einem letztlich doch ein Ungeheuer geblieben ist. Auf dem Weg ins Verderben, die Flucht ins Paradies. Am Ende, oder am Eintritt da hin, finde ich mich unter den Panzermenschen. Die Barrikaden hier sind nicht mehr behelfsmäßig wie weiter oben, weiter außen. Große, schwere Dinge, eigens hergestellt um in den Weg gelegt zu werden. Eine ganze Branche, ein umkämpfter kleiner Markt, Katastrophen und deren Hinterland zu beliefern. Formen aus einem alten Computerspiel, unbeholfen, grob, jeder zusätzliche Knick, jede Verfeinerung kostet Rechenleistung oder Holzplatten beim Formenbau. Drachenzähne gegen Autos und sogar Panzer, Betonstümpfe auf dem dunkelgrauen Asphalt und dem hellgrauen Granit, quer über die Straße, von einer Hauswand zur anderen, ein Maul aus Drachenzähnen, ein Unterkiefer, das genügt. Dahinter brusthohe Wannen, kleine Schwimmbäder, auch aus Beton. Beton gegen Fahrzeuge, gegen Splitter und Kugeln, und Wasser, das die Energie von Zusammenstößen oder Explosionen schluckt, das sie zu Wellen und Spritzern verdaut. Durch die innere Sperre kommen nur Fußgänger, keine Autos. Nicht wegen der Bomben, nur kann man niemandem gestatten, mit zwei Tonnen Blech und hunderten von Pferden durch das geschützte Gebiet zu ziehen. Sicherheit ist etwas Fragiles, ist ein zerbrechliches Wesen, das zittrig durch die Öffentlichkeit schleicht, untergehakt bei bulligen Menschen und deren noch bulligeren Gerätschaften. Die alte Stimme winkt mir zum Abschied, sagt: „Sicherheit ist ein lahmer, magerer Hund in einem Laufgestell. Ihre Hinterbeine an den Bauch und zur Seite gebunden, den Arsch auf zwei Rädern, schleppt sie ihren abgestorbenen Unterleib durch die Gegend, hechelnd und hoffend, dass man sie nicht tot beiße, oder in der Hoffnung, dass dies Herz in rippenscheiniger Brust sie endlich von seinem Hämmern erlöse.“ Was Sicherheit bietet, ist eine Waffe, ein Auto schützt seine Insassen vor und verleitet sie zu bestimmten Gewalten, also ist ein Auto eine Waffe.

Die Rüstungen der Wachen machen ein Geräusch von steifem Stoff. Kein Faltenwurf in ihren Kleidern, die Hosen, Westen und dicken Hemden würden von selbst stehen, die Wachen stecken in ihnen wie in kleinen Häusern, fassen mich durch ihre Wände hindurch und mit ihren Wänden an. Sie stehen dicht um mich, kaum ein Stück Straße in den Lücken zwischen ihnen zu erkennen. Als sitze man in einer großen, fleischigen Handfläche, zur Hälfte geschlossen, drohend oder beschützend. Man reicht jemandem seinen Ausweis, tut das vorsichtig, nicht zu hektisch – nie etwas hektisch aus der Tasche ziehen, wenn jemand auf dich zielt! Man sagt vielleicht „Hallo“, oder „Guten Tag“, je nachdem, worin man sich am heimischsten fühlt, oder du. Auf den fragenden Blick hin, ein Kommentar zur Batterie in der Hosentasche: nur als Muster, um eine Neue zu kaufen und wer kennt denn heute noch diese alten Dinger und so weiter. Die Arme von sich strecken, wie du das aus Filmen kennst, den Blick ins Nichts richten, der Kontrolle nicht ins Auge schauen, ihr nicht zu nahe treten, denn so ein Blick erhascht Augenhöhe und das darf nicht sein. In einer gebogenen Keramikplatte versteckt, liegen Hände wie zartes Muschelfleisch. Sie reiben an der Innenseite meiner Arme entlang, schmiegen sich in Achseln, dann weiter an den Flanken und der Taille runter und betont gefühllos. Das hier ist kein Arzt auf der Suche nach einem Tumor, auch kein Liebhaber auf der Suche nach Erregung. Dann doch einen heimlicher Blick auf den Kopf des gebückten Wachpostens. Er arbeitet sich an der Außenseite der Beine entlang, mit einem Ruck oder Strich über meine Knöchel zum Boden, Wunderheiler streifen so den Dämon ab. An der Innenseite der Beine rauf bis in den Schritt, jetzt noch gröber, einen noch deutlicheren Unterschied zu den anderen Interessengruppen zu markieren, und nochmal raus, außen an die Beine, und nochmal runter zum Boden – abstreifen, raus mit den Gespenstern, raus mit dem Ungeheuer, raus mit der Angst!

*

Ein zerbrechliches Wesen schreitet in der Manier zerbrechlicher Wesen die letzten Meter einer Straße hinab, auf die Lichtung im Inneren der Stadt zu. Vor ihm liegt der patrouillierte Garten aus Hotels und Kaufhäusern, verriegelt als wäre es ein Sonntag. Ein Scheuern in der Gesäßfalte, eine kleine, rechteckige Batterie in der schwitzigen Hand in der Hosentasche des Wesens, neun Volt, ein etwas veraltetes Modell, man sieht die Klötzchen heute kaum mehr. Das Wesen hält sich an dem Ding in seiner Tasche fest, hat vorhin an den Kontakten geleckt, hatte ein pelziges Gefühl auf der Zunge, einen metallischen und salzigen Geschmack wie früher, als es Kind war. Hat damals auch an Batterien geleckt um zu sehen, ob Saft drauf war, auch an den kleineren Zylindern, eineinhalb Volt, es hat an denen aber nie etwas geschmeckt. Ist das schamvoller Abstand, wenn Leute meinen, sich und ihren Körper von außen zu betrachten? Peinlichkeit, Transzendenz und Abschied, ich bin durchgelassen worden, sehe mich am Rand des Platzes und einen greisen Obdachlosen in einer Hofeinfahrt. Er ist klein, schmächtig, trägt eine Brille mit dicken, ölverschmierten Gläsern, beinahe so, als wäre er Maschinist im Bauch eines Schiffes oder eines Wales. Eine Wollmütze, sie reicht gemäß unserer Mode nicht über die Ohren. Ich kenne ihn, er war schon vor den Absperrungen hier unterwegs, hatte sein Lager aus Tüchern und Tüten mal hier, mal dort und in toten Winkeln der kleineren Straßen rund um den Platz aufgeschlagen. Er kniet an einen Torbogen gelehnt. sein Rücken ist rund und schlaff, aber das kleine, staubige Gesicht ist konzentriert. Er belauscht etwas, das stille Geschehen, die Spatzen, das Warten auf ein verdunkeltes Auto. Er hat eine Hand an die Wand gelegt die ihn stützt. Er bewegt seine faltigen Finger tastend über den Putz, sucht wohl nach Vibrationen oder nach dem Puls des erkrankten Stadtteils. Diese zarte Gestalt war hier, schon Jahre bevor die Sicherheit kam, die ihn nicht beschützt, ihn aber immerhin ignoriert. Wie tausend Generationen einer Tierart, hatte der kleine Mann an sich und in seinen Dingen um sich die Farben einiger Winkel dieses Ortes angenommen, er hatte sich getarnt. Bevor die Absperrung installiert wurde, waren die Fassaden hier schmutziger, hatte man sich zwischen ihnen und im Lärm durcheinander plappernder Ramschläden in Bahnhofsnähe gefühlt. Haut und Zähne des Mannes, der Pullover mit einem gestrickten Naturmotiv, alles grau-braun, selbst die Brillengläser. Stücke von Folie, mit großen Buchstaben bedruckt, am zarten Männlein nur als Ausschnitte von Firmenschildern oder Reklametafeln, hier und da blinken schwache Lämpchen, hat er Dioden an seine Sachen genäht. Von einem Mann zu sprechen fällt schwer. Wer oder was würde die Männlichkeit dieses Wesens herausfordern, ihn aus seinem Kokon abgerissener Kleider von Weiblichkeit – oder sollte es nicht besser heißen: von Fraulichkeit – absetzen? Er hat das eingebüßt, abgelegt, oder wir haben es ihm genommen. Der Zarte ist ein unsichtbares, ein öffentliches Wesen ohne Erotik. Nichts unter seiner Hülle, über das unsere Geilheit spekuliert, nichts, in das wir uns vorwagen würden, seine Tiefen bleiben als Wahnsinn versiegelt. Ein Geist, der hier in seiner Schäbigkeit geduldet haust, der seiner eigenen Haut beim Altern zusieht, während um ihn die Läden ihre Besitzer wechseln, Angestellte gegen neuere Angestellte ausgetauscht werden, sich ältere Moden in den hinteren Winkeln neuerer Moden verstecken und die Lichter an der Oberfläche des Obdachlosen langsam verglimmen. Seine Lippen zittern, aber nicht vor Kälte, dieser Mund bewegt sich ohne Worte weiter, erzählt stumm vom Leben eines Phantoms, flüstert dem Putz seiner Wand etwas zu, beklagt den Schmerz genommener Abschiede. Der Alte schließt seine Augen, streichelt nur mit den Spitzen der Finger die Wand der Einfahrt, spricht mit etwas, das in ihr zu stecken scheint, redet mit den Toten im Jenseits, er redet mit dem Toten an sich, ein Auto biegt um eine Ecke, dann noch eins und noch ein Drittes, die einzigen Autos, gleich ist es soweit, der Zarte Mann Mann bleibt ungerührt. Die Wagen halten unter einem gläsernen Vordach, aus dem Vorderen und dem Hinteren steigen Bewaffnete aus, bilden ein Spalier zwischen dem mittleren Fahrzeug und dem Eingang des besten Hotels am Platz. Dann öffnet sich eine Tür des Wagens und hinter der verspiegelten Dunkelheit erhebt sich dieses Gesicht aus dem Fernsehen, blickt zuerst auf sein Telefon, dann schaut es sich um, worauf seine Wachen schießen. Die sind von ihm abgewandt, lassen es in ihrer Mitte stehen, wie in einem leeren Zimmer, brüllen etwas vom Anhalten und von einer liegenden Haltung auf dem Boden. Aus dem knatternden Nebel und roten Spritzern tritt das Gesicht ganz nah an meines heran, seine ungeschminkte Haut, heute nicht im Fernsehen, die Fältchen sind echt, die Haut ist echte Haut, dem Gesicht ist seine Distanz genommen, es ist erschrocken, jetzt ist es verbraucht.

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Wir sehen: 12 Überraschungseier in einem Karton, der Karton entlang einer Perforierung aufgerissen, innen golden lackiert, außen in den Farben der vertretenen Firmen, „Toy Story“, „Kinder Surprise“ und „Trash Pack“. Vor dem Karton stehen sechs Spielzeuge aufgereiht, in vager Autoform und mit Augen auf den Windschutzscheiben, unter dem Karton eine rote Tischdecke, hinter dem Karton ein weiteres Spielzeugauto, allerdings viel größer als die ersten sechs und noch verpackt in durchsichtigem Kunststoff. Hier ist der Name eines Action-Schauspielers zu erkennen, „McQueen“, der „Steve“ fehlt. Die aufgeregte Stimme im Hintergrund grüßt uns, zählt auf, was wir da sähen und merkt an, dass sie das alles besitze. Zwei Hände kommen ins Bild, eine von links und eine von rechts. Die Stimme, der wir uns nicht weiter widmen wollen, bringt eine aufgeregte Spannung zum Ausdruck, was sich wohl im ersten Ei befinde, das sich die Hände jetzt greifen, von dem sie eine bunt bedruckte Alufolie abpellen. Zeigefinger und Daumen kratzen die äußere Hülle auf, die Ringfinger stützen das heraustretende Schokoladenei von hinten, die sonst tatenlosen Mittelfinger werden hinzugezogen, die mittlere Schale aus Schokolade aufzubrechen. Beide Hände lassen die Brösel der Süßigkeit zwischen sich und aus dem Bild fallen, ohne ein Zeichen von Hingabe, auch nicht in der Stimme. Sie halten einen bauchigen Zylinder, oder eine gestreckte Kugel aus milchigem, halb durchsichtigem Kunststoff – die innere Hülle, der Kern. Das Geschehen rückt in einen Zeitraffer, der die Schale zweiteilt, etwas Braunes herauszieht, sie dann fallen lässt. Die Zeit verlangsamt sich zurück in ihr normales Maß und zwischen den näher an uns gerückten Fingern wird ein Hund aus Plastik deutlich. Seine Füße erwecken den Eindruck, in gelben Pantoffeln zu stecken, um den Oberkörper ist ein silberner Draht gewickelt, wie auf einer Spule. Eigentlich ist es ein Torso aus Kunststoff, in seiner Form an eine längliche Spule silbernen Drahts angelehnt. Vom Kopf des Spielzeugs stehen zwei Ohren senkrecht nach unten ab, auch braun, aber etwas dunkler, die Schnauze ist mit demselben Gelb bemalt wie die Füße, hat einen schwarzen Fleck an ihrer flachen Spitze. Die beiden Augen des Köters schielen etwas, das rechte Auge nach innen, das Linke geradeaus. Aus dem hinteren Ende des gefälschten Hundes windet sich eine weitere, silbrige Form, eine Art Schwanz in metallischem Look. Schnitt, Cut. Die linke Hand hält eine kleine Drucksache – für uns riesig, wie auch die Fingerspitzen –, darauf finden wir jenen Hund wieder, neben anderen Figuren ähnlicher Machart. Schnitt. Das nächste Ei und so weiter.

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zum Strand (2)

Im Schema eines wabernden Gebildes, eines Zellverbunds in frühem Stadium seiner Vermehrung, arrangieren sich vier Schwärzungen ständig neu in der Übertragung einer an sich ruhig daliegenden Straße. Näher herangerückt sind vier Gestalten auszumachen, unbewaffnet oder nur mit den Zutaten eines asketischen Picknicks, Bürgersteig und Straße gleichermaßen als ihre Wege reklamierend und darin von jugendlicher, oder doch tiefer sitzender, weil gewahr gewordener Rebellion geschwängert. Sie halten zusammen, eine Handvoll, nein, sie wären ein Finger zuwenig, sind zu viert. Sie gehen in changierender Konstellation, wechseln schwimmend aus Zwiegesprächen über in Triaden, je einen der Ihren alleine lassend, dann wieder vereinnahmend. Ein in breiten Schritten kontrahierendes und sich ausweitendes, tolles Grüppchen. Sie rudern in großen Gesten mit den Armen, werfen entschlossen ihre Hände von sich dass es knackst, oder halten sie in den Hosentaschen, die Blicke dabei nachdenklich, also auf ein unsichtbares, vor ihren Füßen über dem Boden schwebendes Plateau gerichtet. Der Boden zunehmend versandet je weiter sie vorankommen, lose Keile aus Sand zwischen der glänzenden Asphaltdecke und dem Bordstein, die Straße mehr und mehr von Häusern verlassen. Die wenigen Gebäude sind aus dem üblichen, zementierten Band gelöst, alleinstehend und niedrig. Nur noch ein, zwei Geschosse hoch, mit sonnengebleichten Reklametafeln auf den Dächern, einem Ortsrand gemäß, der ankommende oder verlorene Besucher auf die wenigen Refugien menschlichen Treibens oder Handels mit großen Buchstaben hinzuweisen sucht. Läden, denen ihr baldiges, oder widersinnig fernes Ende in die Gestalt geschrieben steht: eine lang ertragene Sehnsucht nach Kunden oder Besuchern hat die Fassaden, Stufen und Tischchen auf Terrassen welken lassen. Geschäfte ähnlicher Branchen, aber näher am Herzen einer Stadt, werden solche Sehnsucht nie erfahren können. Hier ein Rand hinter dem keine Feinde oder Neider lauern, keine tausend Nachrücker und wählerischen Bürger, hier nur die See als Beschützerin des Horizonts. Die Luft dick und salzig vom Meer, auf das die Vier zuhalten müssen, nimmt man die gerollten Bastmatten unter ihren Achseln für voll. Im Schuhwerk weichen sie von der Neigung ihrer Zeit ab, das eigene Knochengerüst mit ausgefuchsten Schwefelketten – Polymere – jeder Abnutzung zu entziehen. Sie knirschen auf Ledersohlen an den Strand. Es wäre eine Unterstellung, ihre fordernden und renitent strahlenden Gesichter auf solchen Widerstand in ihrer Bekleidung zurückzuführen, ignorant wäre es, das nicht zu tun.


Der Strand wird sich vor ihnen als Flickensiedlung ausbreiten, durchkreuzt von ausweichenden Pfaden. Rechteckige Gehöfte aus Frottee oder Stroh, mit Mulden und Dellen von Ellbogen, Hüftknochen und Köpfen. Dazwischen mühseliges Stapfen, eigentlich Voranschaufeln von Abwandernden und Neuankömmlingen, die ihre Schlappen und Turnschuhe in Händen tragen, gerne paarweise an zwei, zu Klauen gekrümmten Fingern baumelnd. Man nennt es das Meer, mag von Matrosenaugen, Kraken und gesunkenen Schiffen voller Gold oder Öl träumen und doch weiß ein heimliches Gefühl tief in einem, dass dieses kleine längliche Wort „Meer“ einen anderen, größeren Schatz meint: den Horizont, die Mauer die die Fremde zieht. Und tatsächlich ist kaum jemand zum Baden hier, plantschen alleine ein paar Kinder mit Gänsehäuten im Wasser. Viele arbeiten sich durch mitgebrachte Brotzeiten, oder arrangieren kaltgewordene Speisen auf ihren Parzellen. Dabei trägt ein Wirrwarr aus Stimmen das Rauschen der Brandung und nicht umgekehrt. Es ist laut und doch geben sich hier viele einer Ruhe hin, die nicht von Schweigen soundso vieler Menschen oder Maschinen herrührt. Diese Ruhe kommt über den Horizont und in manche Gemüter gekrochen, entspringt einem Jenseits, das die dösenden Ausflügler als, oder wie den Tod fürchten würden machten sie sich Bilder davon. Ein ähnliches Treiben findet sich an manchen sonnigen Feiertagen auf Friedhöfen, einen Meter und achtzig über den Verwesenden, oder auch am fernen Rand von Weltraumbahnhöfen, mit Zelten und Grills, am Abend bevor ein winziges, eisiges Raketchen auf seinem Feuersturm die Erde verlässt.


Jene vier Gestalten mit ihren Lederschuhen jetzt an den Händen, möchten sich nicht zu den übrigen Gästen des stillen Spektakels gesellen, arbeiten sich mit feuchtem Sand an den Hosenbeinen und auf Umwegen durch die Sitzenden und Liegenden irgendwohin voran. Wohl ans Ende der interesselosen Versammlung und darüber hinaus. Unwahrscheinlich, dass die Vier es als fortschrittlich erachten werden, wenn sie zum nächstgelegenen, unbesetzten Strand vorgedrungen sind. Es steht quer zu ihrer Moral und einem darauffolgenden Schamgefühl, diesem unüberschaubaren Getümmel ihre Körper bloßzulegen. So stapfen sie weiter, in ihren Wünschen und den Kleidern um Abstand bemüht, Abstand von der Menge, zur Not im Verhalten gemessen oder in Metern.
Sie bemerken eine fünfte Gestalt, abseitig wie sie selbst. Sie registrieren mit flüchtigen Blicken eine Frau, die ein Einkaufswägelchen hinter sich her durch den Sand zieht. Schleifend und mühsam, weil die Räder im ausweichenden Grund versinken, nutzlos sind. Die Anstrengung und der gewisse Zorn auf ihre Arbeit stehen der Frau ins Gesicht geschrieben, das hält die Sympathie der vier Flaneure auf Distanz. Sie hat ein anderes Motiv, ja, wo jenes Grüppchen sein Äußeres der Teilnahmslosigkeit verschrieben hat, ringt die Frau mit den Dingen, sammelt Müll aus den Gassen zwischen Tüchern und Matten hier am Strand. Und sie drängt nicht bloß mit ihrer Arbeit ins Geschehen, sie verleiht schimpfend ihrem Ärger über die Minderwertigkeit bestimmter Fetzen, über deren Gehaltlosigkeit Ausdruck. Den Anderen sind ihre Innenwelten heilig, sie selbst raunen einander lakonische Feststellungen zu und hielten, würden sie sich selbst oder ihre Nächsten dazu befragen, die Sammlerin für eine Verräterin, oder zumindest für ein diebisches Subjekt in ihren blassen Schatzkammern. Auch das sitzende und liegende Strandvolk hat keine Zuneigung für die Frau. Wirft sie einen Fetzen in ihr Wägelchen, wird es als Dienst am Platz zur Kenntnis genommen. Hebt sie ein Stück auf und lässt es zurück in den Sand fallen, schürt das heimliche Wut. Die schafft es bei einigen Teilhabern der Versammlung bis in die Züge ihrer Gesichter und auf die Zungen, sie zischen grimmig.
Der Schritt der Vier ist gehemmt, sie unterdrücken ihr Tempo, die Energie einer Gewissheit, halten es im Zaum, um zwischen der anderen Strandbesuchern zu flanieren. Sie haben ihre Gangart im Griff, wie sie ihre Gestalt im Griff haben, darin liegt das Dilemma. Sie pirschen sich geduckt hinter einem Gehabe voran und in Richtung eines ersehnten Wesens. Ihr Griff möchte einen herumtollenden Verstand zu fassen bekommen, die vier unpassend Gekleideten – drei Männer übrigens und eine Frau – wollen sich dessen bemächtigen. Sie möchten mit größtmöglichem Abstand und, stellenweise auf Zehenspitzen durch den Sand tappend, unter den Badegästen herumschwirren, den eigenen Liegeplatz so lange als irgend möglich verzögernd unter Feinden spazieren, die zu ignorant sind um zu wissen, dass da Feinde zwischen ihnen tänzeln.
Und der Feind, das sei die Zukunft dieses Kindes dort drüben in der seichten Brandung, das doch laut Blicken unserer Vier bitte ein Haifisch fressen soll, oder ein Kannibale, dessen Erwachsen geköpft werden möge, wie die Kinder Marie-Antoinettes. Der Feind seien auch die Badehosen und Bikinis, deren Muster und Flaggenbekenntnisse. Der Feind seien die Körper mit der Müdigkeit eines gestrandeten Wales oder der Erschöpfung früher Mollusken, die es nach Jahrmillionen seltsam motivierter Strapazen endlich aus dem Ozean und ans matschige Land geschafft haben. Bei Ankunft dann Schlaf oder Wein. Oder Bier. Aus den Müden säuseln Spinnereien über anstehende Einkäufe und Wiegenlieder wider diese Angst, im verhängnisvollen Leben unterzugehen, die Wohnung oder die Anstellung gekündigt zu bekommen. Solche Lieder ängstigen wiederum die Flaneuren, die davon eigentlich getroffen werden und sich nur geschmäcklerisch der Breduille entziehen können – „da singt ein Feind“.
Der Feind, das sei zuletzt nicht das Telefon, das für Minuten unbeachtet neben diesem Paar und halb unter einem T-Shirt liegt. Der Feind sei hier eher das Paar, Mann und Frau, für erfahrene Beobachter kenntlich als seit Langem einander verpflichtet. Ihre Hintern und Beine aneinander geschmiegt, aber ohne Zuwendung, Berührung allein auf der Ebene des Materials, keine Aufregung in den zerknautschen Härchen, keine Erwartung in der Haut. Die Gedanken der beiden sind geschieden oder sie hatten nie einen gemeinsamen Grund. Sie starren in keine gemeinsame Ferne. Dabei fremdeln sie aber auch nicht, sonst würden sie doch eher etwas klären wollen und einander ungläubig betrachten. Nichts steht zwischen ihnen, sie werden sich selbst noch lange, nur eben nicht hier am Strand füreinander aufgeben. Zwischen ihnen steht nichts und zwischen ihnen gibt es nichts, ist nichts und das genau ist der Ort hier, der Strand am drögen Nachmittag, vom Himmel verschont mit undurchdringlicher Wolkendecke. Doch sorgt Euch nicht, es wird schon nicht pissen heute.

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