Triptychon


Bild 1


Ein Kirchenschiff und die diskutierenden Bewohner eines Dorfes, auf das zu schließen ist, weil wir durch ein Fenster im Hintergrund eine hügelige Landschaft im Mondschein sehen. Im Fenster keine Häuser, Laternen oder anderes städtisches Inventar, im Fenster auch die schwarze Silhouette eine Windrades nah am Horizont. Das Gespräch der Bewohner erkennen wir an ihren Haltungen zueinander, ein Thema von genügend Dringlichkeit ihnen den eigentlich fälligen Schlaf abzusprechen und sie dem Altar den Rücken kehren zu lassen. In der Erinnerung an solche Räume klingt der Hall des Gemurmels vor einem Gottesdienst oder vor einer Trauerfeier, auch die Stimmen von Angehörigen, mit dem Mikrofon verstärkt, weltlich, um etwas Pathos bemüht und darum, nicht verloren zu werden. Die Diskutanten sitzen in den hölzernen Bänken beinahe geräkelt, quer und schräg zur vorgesehenen Richtung, wo das Schema eines Kruzifixes aus dem Bildrand nach oben verschwindet ins dunkle Kirchenschiff. Die Gemeinde selbst im dramatischen, dabei improvisierten Licht eines Baustrahlers auf gelbem Stativ, sein Kabel am Boden verschwindet in einer Klappe aus Stein. Man trägt die alltägliche Kleidung einer Region zwischen 48 und 54 Grad Nord, vom Nullmeridian nur so viele Grade in den Osten reichend, dass jeder weitere Schritt Armut und klapprige Korruption verheißen würde, etwa 7 bis 14 Grad. Nur einer unter den Dorfbewohnern ist geschäftsmäßig gekleidet, der Pfarrer oder Wirt im Gotteshaus. Sein Engagement ist zuhörend, vielleicht seine aufgeschreckten Gäste zu moderieren.


In deren Gesichtern Augen, die über einer Aufregung, oder einer Frage ihre Müdigkeit vergessen haben mögen. In manchen Augen auch das Feuer einer erkannten Aufgabe oder Lösung, der Wunsch, dem kommenden Tag vorbereitet und mit einem Plan an der Hand entgegenzutreten. Im Blick des Pfarrers eine böse Gewissheit, noch hinterm Berg gehaltene, aber im Sinn des Geistlichen unausweichliche Grausamkeit, als könnte er jeden Moment anheben, etwas über Opferung zu sagen oder darüber, jemanden aus gnadenvollem Motiv erschlagen zu müssen. Aus dem Dunkel einer anderen Erinnerung spricht etwas in unserer Stimme, sagt, manches Leid könne nur auf den Tod als sein Ende hoffen. Ein paar der Anwesenden scheinen sich für etwas zu schämen, ohne Aussicht auf Abhilfe, einzig, dass der Fortschritt Erlösung bringen könnte oder der Frühling in zwei Monaten. Einige andere haben trotzig die Arme vor ihren Brüsten verschränkt, sie mögen das Thema der nächtlichen Runde nicht, es ist nicht klar worin ihr Beitrag besteht, außer eben im Zeigen ihrer Haltung.


Eine leuchtende Tabelle im Schoß einer jungen Frau, auf der Aktentasche eines vielleicht 40-Jährigen das Logo eines Tiefbauunternehmens. Keine Antwort auf die Frage, warum er diese Tasche mit in die Kirche gebracht hat und welches Geschäft er zu machen hofft. Auf einem Nebenschauplatz und im Schatten der Diskutanten – man bemerkt sie erst nach deren Musterung: eine Gruppe von Kindern die Materialien zum Verpacken und für Reinigungszwecke sortieren. Säcke und Planen aus Plastik, Klebebänder, Gummihandschuhe auch, Schutzmasken für Mund und Nase, mehrere Kanister mit einer Flüssigkeit und einem roten Kreuz darauf. Ein Junge notiert etwas in sein Schulheft, ein Mädchen hält sich mit Daumen und Zeigefinger die Nase zu, hinter den Kindern in Dunkelgrau: Schemen von Benzinkanistern.


Bild 2


Ein Acker in hügeliger Landschaft, wenig nach Sonnenuntergang. Am Horizont, hinter einer dunklen Masse die einen Wald bedeutet, ragt ein weißer, graziler Keil schräg nach oben und in den Himmel hinein oder zumindest auf dessen Existenz zu verweisen. Auf einem alten Baum links an einem schmalen, aber asphaltierten Weg, sitzen zwei Kinder, sie haben den untersten der mächtigen Äste erklommen und bis zum Abendbrot, oder ihrer Vertreibung für sich erobert. Ihre Gesichter können wir nicht erkennen, aber dass sie einander bei den Händen halten und dass sie das ein oder andere Gefühl dort oben und in dieser händischen Umarmung später mit Liebe benennen werden. Der Baum eine Linde, den Ausmaßen nach 500 oder mehr Jahre alt und somit Zeuge – oder besser: beistehend – mehrerer Zeiten. Schichten von Holz tief im Stamm haben Reiter gesehen und brennende Hexen, gepfiffene Melodien gehört, gejohlte und getrommelte, an andere Schichten standen Liebende gelehnt, schwitzend und sich rhythmisch an der Rinde reibend, das Holz hat im Brummen von Motoren vibriert und Donner von Geschützen. Später dann der fistelnde Klang an- und abschwellender Schlager aus den Radios vorbeifahrender Förster. Von ihrem Ast aus blicken die zwei Kinder auf einen Jäger im Acker oder auf Einen, der seinem Hut nach, der Jacke, der Hose und der Verteilung von Taschen auf beiden nach zur Jagd bereit sein muss. Ein Mann mit dichtem, braunem Bart, er hält etwas leuchtendes in der Hand, notiert darauf die Toten im Feld, Anzahl und Lage der Boote, oder er sucht Ablenkung davon, indem er Freunden und Bekannten, vielleicht der übrigen Welt von der Katastrophe berichtet. Seine Waffe fehlt, er hat sie gegen diese neue Aufgabe und gegen dieses Instrument in seiner Hand eingetauscht. Aus dem Acker ragen gekenterte Schiffsrümpfe aus Holz, weiß lackiert, blau, ein bisschen rot auch, erschlaffte Schlauchboote aus schwarzem Gummi, wir wissen: solche Kähne gibt es weit südlich von solcher Landschaft. Die Leiber der Toten schmiegen sich in ihren Farben an die aufgebrochenen, speckigen Schollen, vor allem braun, etwas grün auch und ein bisschen blau. Ihre Kleider säumen das Feld mit bunten Tupfern, sind der Schwere des Ereignisses nicht angemessen, wurden vor kurzem oder auf einem anderen Bild durch einen sonnigen und einen verregneten Tag in einer fernen Stadt getragen, vielleicht durch eine Nacht. Zeugnisse von Mode und vom Willen, zu gefallen, unvorbereitet für einen Tod oder für diesen Tod. Vielleicht ist das irrig und es sind Requisiten eines tödlichen Alltags. Ein gefälschte Gucci-Jacke als Totenhemd, Jogging-Anzüge, Röcke mit praktischen Taschen, Turnschuhe und Sandalen an grotesk abgewinkelten Füßen. Plastiktüten, an den Henkeln zugeschnürt, rosa, hellgrün, weiß, sie treiben prall gefüllt auf einem Meer aus frisch gedüngter Erde. Die Leiche zu Füßen des Jägers liegt mit dem Oberkörper auf den Schollen, Becken und Beine scheinen im Acker untergetaucht oder sie fehlen. Der Körper muss beim letzten Pflügen mit der Erde gewendet worden sein oder ein Fehler in der Oberfläche dieser Gegend lässt ihn auf dem Feld treiben wie auf Wasser.


Bild 3

Ein Dorf auf den Wogen tertiärer Hügel oder auf einer gewellten Anomalie der sonst besonders flachen Schrägen alter Moränen. Zwischen Autobahn im Vordergrund und Windrad im Hintergrund diese Ortschaft, ermöglicht von einer Kreuzung vierer Feldgrenzen und eines Rinnsals, vielleicht auch deren einstige Bedingung und vor dem hiesigen Ackerbau dagewesen. Weizen, Mais, Mais, Raps arbeiten sich zum Himmel, das Dorf in der Nachbarschaft eines Wäldchen zur Erinnerung an die Natur oder doch für Feuerholz, Schauverbrennungen in den Wohnzimmern. Vielleicht ist der Wald wie der kleine Ort selbst mehr aus Nostalgie übriggelassen, als aus sachlichem Zwang. Eine Kirche und ein Supermarkt, wir sehen den Wagen eines Handwerkers das Dorf verlassen, ein Klempner der ein Klo gerichtet haben mag oder einen Mangel im Außenbereich.


Die Häuser des Dorfes unterscheiden sich nicht in ihrer Gestalt, unserer Kenntnis nach bloß in den Unterschriften auf ihren Hypotheken. So geht das Dorf an seinen Rändern auch keinen Übergang mit seiner Umgebung ein. Es geht nach innen. Aus einem Fenster an solchem Rand schaut ein Kind auf die Autobahn oder zu uns. Für die Zeit des Bildes oder unserer Betrachtung herrscht auf der Straße Leere, wir befinden uns in einer sekundenlangen Lücke zwischen vorbeirollenden Lastwagen und Kleinwagen. Zwischen den Gliedern einer Kette: Nichts, außer der Gewissheit des nächsten, alles zermahlenden Gliedes. Eine Erfahrung die auf das Bild übertragen werden darf besagt, dass solche Glieder sich selbständig wägen, mit der mehr oder weniger freien Wahl ihrer Geschwindigkeit und der Bewegungen nach links oder rechts in die Hohlräume die ihr Zusammenhang bietet.


Das Windrad im Hintergrund steht allein, ob es eine Laune der Gemeinde war, oder ihm ein Verband mehrerer Windräder folgen wird, ist ungewiss. Es steht alleine, aber behütend über der Landschaft, wie eine Gottheit, der sich ihre Bewohner verschrieben oder die sie sich erdacht haben. Es schützt ihr Gewissen, ist ihr Tribut an einen Zusammenhang, in den ihr Rad einspeist. Es verbindet die Landschaft und das Dorf mit einem Himmel, der sein Blau hinter einer bleiernen Wolkendecke verborgen hält. Eine Linde links hinten, aber noch vor dem Horizont hat ihr buschiges Blattwerk dem nahegelegenen Bildrand zugeneigt, dort ist Osten weil ein Westwind geht. Die Linde ist in gewaltigen Ausmaßen angelegt, würde viel gesehen haben, der gezeigte Tag würde kaum Spuren in ihren Ringen hinterlassen. Die Linde wird noch vieles mehr sehen und Generationen von Dorfbewohnern überdauern, es sei denn im Himmel wäre ein Blitz versteckt, der sie dahinraffen sollte.

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3. Hase / Raumschiff / Gestalten am Zaun

Im Morgengrauen eines vergangenen Sommertages war ich zusammen mit meiner Mutter in der Küche gesessen. Wir hatten Tassen mit Kaffee in den Händen, Große Tassen mit Filterkaffee, weil es auch darum gegangen war, sich aufzuwärmen. Vor uns auf dem Tisch stand mein Laptop, auf dessen Bildschirm haben wir in einen Raum mit viel Teppichboden geschaut und mit sitzenden Gestalten, die Gesichter im Schein von ihren Monitoren. Ein Raum der Nasa in den Vereinigten Staaten. Bei uns zu Hause sollte es im Verlauf des angefangenen Tages warm werden, aber noch haben wir gefröstelt, die Müdigkeit noch nicht weggetrunken, oder uns nicht an sie gewöhnt. Bei den Leuten von der Raumfahrtbehörde war es später Abend oder frühe Nacht, bei uns kurz nach sechs Uhr morgens, als die Marslandung stattfinden sollte. Das war ein Live-Verhältnis, zwischen uns und den Amerikanern. Zwischen uns allen und dem Mars war die Gegenwart um 13 Minuten und 48 Sekunden in die Länge gestreckt, das war kaum auszuhalten (an der Wallstreet ist mal ein Glasfaserkabel ausgegraben worden, man hat es um wenige Meter versetzt, um sich beim Datenfluss Vorsprünge im Nanosekundenbereich zu verschaffen). Meine Mutter und ich haben den jungen und mittelalten Leute und überwiegend Männern zugesehen, wie sie dasaßen, in Reihen gestaffelt, hinter wulstigen, schwarzen Wänden mit Monitoren drin und so hoch, dass die Sitzenden gerade noch die Hinterköpfe derer vor ihnen im Blick hatten. Wie in einem Hörsaal, oder eben wie in einem Kontrollzentrum war das vorderste Pult entgegen der übrigen Richtung aufgestellt, so dass die Chefs des Unternehmens die Frisuren ihrer Angestellten von vorne sehen konnten. So arrangiert, als gäbe es das noch, vorne, und als wäre es wichtig, dass unterhalb einer bestimmten Karrierestufe alle in eine Richtung schauten. Um eine kollektivere Anteilnahme im Raum herzustellen, einen gemeinsamen Ehrgeiz aller Mitarbeiter, waren an einer Seitenwand links von den Chefs, also rechts vom Rest, drei große Bildschirme angebracht, ein gemeinsamer Blick aufs Geschehen. Zwei der Geräte waren mit Kolonnen von Zahlen und Kurven belegt, auf dem mittleren wechselten sich zwei Filme ab, beide von einem Computer animiert: einmal die ockerfarbene Oberfläche des Planeten und eine Darstellung des Raumschiffs im Anflug, von hinten gesehen, aus der Perspektive des dicht aufgerückten Verfolgers. Der andere Trickfilm von derselben Oberfläche, diesmal aus Sicht des Fahrzeugs und so, als säßen die Ingenieure und wir da mit an Bord. Unter den beiden Animationen wurden Messwerte zur Geschwindigkeit, zu verschiedenen Zeiten, Geschwindigkeiten, Temperaturen und zur Höhe eingeblendet, im Stil analoger Halbkreise, also rund, mit Zeigern und mit arabischen Ziffern. Die Werte waren nicht zur Zierde da, sie waren von Bedeutung für die Leute im Kontrollraum. In unserer Küche war die Kälte der Anteilnahme gewichen. Ich wollte das Geschehen mit der Kamera in der Hand filmen, allerdings ohne meine Anwesenheit, oder die der Mutter. Es war mir der Aufzeichnung gegenüber peinlich, wenn ich gewackelt hatte und es war mir peinlich, dass meine Mutter in ihrer Aufregung und mit verschlafener Stimme – jungfräulich an diesem Tag – Kommentare abgab und mir Fragen stellte. Ich wollte nicht, habe dann aber flüsternd geantwortet, auch bemüht um einen mürrischen Ton, kein weiteres Gespräch zu befördern.

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(zu viel zu klein)


Wir sind dabei, als sich um das gemalte Raumschiff ein weißer Dunst bildet, das war die Hitze beim Eintritt in die Atmosphäre. Wir können zusehen, wie sich eine Frau mit einer Fernsehkamera auf der Schulter an den Pulten entlangtastet und den jeweils aktivsten Arbeitsplatz einer Phase des Projektes filmt. Angespannte Gesichter mit irrem Grinsen, von der Sorte die sich einschleicht, wenn alles auf eine Karte gesetzt ist. Lange, graue Haare mit grauem Bart, eine gelverstärkte Rockabilly-Frisur, ein Irokesenschnitt, mehr Männer als Frauen, obwohl das Vorne im Raum verwaschen ist. Zwei Herren, die sich über einen dritten hinweg beglückwünschen, als der Film neben ihnen zeigt, der Fallschirm sei planmäßig entfaltet. Der Programmleiter ist aufgestanden und geht unruhig einen Meter hin und einen Meter her, er tigert wie im Käfig. Wir sehen auf dem mittleren Bildschirm und im Hintergrund unseres Ausschnittes, dass wohl ein käferartiges Ding an einer Schnur von einem hummelartigen Fluggerät herabgelassen wird, dann stockt das Bild. Der Leiter – es ist der Rockabilly-Typ – zeigt auf einen seiner Mitarbeiter und fragt ihn etwas, dann auf einen anderen, den er auch etwas fragt und auf einen dritten, von dem er ein Handzeichen bekommt. Meine Mutter und ich begreifen, dass sich gleich etwas entscheiden wird, das heißt, dass man auf ein siebeneinhalb Minuten altes Ergebnis wartet. Dann werden die Monitore an der Wand neu belegt: links Zahlen, rechts jetzt der Trickfilm von der Landung und in der Mitte eine weitwinkelige Aufnahme vom Kontrollraum. Der Leiter ballt seine rechte Hand zur Faust, sagt etwas von „touchdown“ und reißt die Faust samt Ellbogen in Richtung Hüfte. Der Trickfilm zeigt ein heil gelandetes Fahrzeug mit sechs Rädern, unser Monitor zeigt den Raum voller jubelnder Ingenieure.
Inzwischen war es längst hell draußen, waren die Mutter und ich wach und bereits am Schwitzen.

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„Der Islam kennt den Höllenbaum Zakkum, dessen Früchte die Köpfe von Teufeln sind, und aus den Märchen aus „Tausendundeiner Nacht“ sind die Bäume der Insel Wakwak berühmt geworden, Bäume mit Menschen- und Tierköpfen.
(…)
Dieser Ausdruck mag etwas burschikos klingen, aber der elamischen und mesopotamischen Bildschöpfungskraft waren kaum Grenzen gezogen. Auf einem assyrischen Siegel finden wir die Personifizierung einer ganzen Landschaft.
(…)
Eine besonders eigentümliche Mischgestalt der frühdynastischen und Akkadsiegel ist der Bootsmensch oder das Menschenboot, wie Frankfort erklärt, ein wesenhaftes Fahrzeug des Sonnengottes Schamasch.“

*

„Es war einmal ein Hühnchen und ein Hähnchen, die wollten zusammen eine Reise machen. Da baute das Hähnchen einen schönen Wagen, der vier rote Räder hatte, und spannte vier Mäuschen davor. Das Hühnchen setzte sich mit dem Hähnchen auf, und sie fuhren miteinander fort. Nicht lange, so begegnete ihnen eine Katze, die sprach ‚wo wollt ihr hin?‘, Hähnchen antwortete

‚als hinaus
nach des Herrn Korbes seinem Haus.‘

‚Nehmt mich mit,‘ sprach die Katze.
Hähnchen antwortete ‚recht gerne, setz dich hinten auf, dass du vornen nicht herabfällst.

Nehmt euch wohl in acht,
dass ihr meine roten Räderchen nicht schmutzig macht.
Ihr Räderchen, schweift,
ihr Mäuschen, pfeift,
als hinaus
nach des Herrn Korbes seinem Haus.‘

Danach kam ein Mühlstein, dann ein Ei, dann eine Ente, dann eine Stecknadel, und zuletzt eine Nähnadel, die setzten sich auch alle auf den Wagen und fuhren mit. Wie sie aber zu des Herrn Korbes Haus kamen, so war der Herr Korbes nicht da. Die Mäuschen fuhren den Wagen in die Scheune, das Hühnchen flog mit dem Hähnchen auf eine Stange, die Katze setzte sich ins Kamin, die Ente in die Bornstange, das Ei wickelte sich ins Handtuch, die Stecknadel steckte sich ins Stuhlkissen, die Nähnadel sprang aufs Bett mitten ins Kopfkissen, und der Mühlstein legte sich über die Türe. Da kam der Herr Korbes nach Haus, ging ans Kamin und wollte Feuer anmachen, da warf ihm die Katze das Gesicht voll Asche. Er lief geschwind in die Küche und wollte sich abwaschen, da spritzte ihm die Ente Wasser ins Gesicht. Er wollte sich an dem Handtuch abtrocknen, aber das Ei rollte ihm entgegen, zerbrach und klebte ihm die Augen zu. Er wollte sich ruhen und setzte sich auf den Stuhl, da stach ihn die Stecknadel. Er geriet in Zorn, und warf sich aufs Bett, wie er aber den Kopf aufs Kissen niederlegte, stach ihn die Nähnadel, so dass er aufschrie und ganz wütend in die weite Welt laufen wollte. Wie er aber an die Haustür kam, sprang der Mühlstein herunter und schlug ihn tot. Der Herr Korbes muss ein recht böser Mann gewesen sein.“

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Im Morgengrauen sieht man oft Hasen im Park, mitten auf der großen Wiese. Eigentlich sind das Kaninchen, aber für solche Details interessiere ich mich nicht. Es hat Hasenform und solange es kleiner ist als ich und größer als eine Teetasse, ist es ein Hase. Können Hasen stehen? Nein. Können sie sitzen? Auch nicht. Liegen ja, aber nur im Schlaf und im Tod. Das sind Fluchttiere, die warten ab, sie wollen nicht weg, sie kennen aber nichts anderes. Ihren Bau kennen sie, nur gibt es da nichts zu essen außer ihresgleichen und wirklich weg können sie auch nicht, sie können nur laufen und sich verstecken. Der Nebel schwebt knapp über den Wiesen, in den Kronen junger Bäume und einer dieser Hasen hat sich rausgewagt . Er wartet auf einen anderen Hasen um sich zu paaren, oder er wartet auf seinen Tod in Form eines Vogels oder Fuchses. Vielleicht frisst er etwas Gras, hält inne wenn er mich hört, stellt die Ohren auf und versucht zu erkennen, was da kommt. Dann bleibe ich stehen, bin still, blase Rauch in den Morgen. Ich sehe Tautröpfchen auf dem Fell des kleinen Tieres, die pelzige Schnauze zuckt im Rhythmus seiner Suche und ich denke an unsere Raumschiffe. In die kann ich sowenig reinschlüpfen, wie in den Hasen. Das heißt, ich könnte es schon, hätte aber nichts davon. Ich habe in den beiden nichts zu suchen, obwohl ich da was verloren habe – meine Fantasie. Das ist klar und jetzt stehe ich hier und finde das seltsam. Ich halte das nicht für einen Fehler, es fühlt sich an wie ein Fehler. Wie eine Selbstverständlichkeit, die über Nacht und während ich geschlafen habe unmöglich geworden ist. Selbstverständlich, weil unsere Apparaturen mich natürlich mühelos auch mit einem Karnickel verschränken könnten, oder mit einem Stück Raumschiff. Weil das ziemlich sicher jede Fantasie zu so einer Vermählung enttäuschen würde, weil die Welt des Hasen niemanden wirklich interessiert und die Wahrnehmung eines Stücks Blech im All bei einer Reihe von Sensoren in besseren Händen ist, lässt man das bleiben.
Der Fehler lässt sich nicht so leicht fassen, geht unter die Haut, das zerrt am Selbstbewusstsein. Die Haut steht hier auf einem gemähten Teil der Wiese, im kühlen bis kalten Herbstmorgen, mit der Kippe im Mund, den Kragen hochgeschlagen, die dünnen Sohlen der dünnen Lederschuhe zu dünn für unser Klima und durchnässt. War schlaflos und bin das Treppenhaus runtergeschlichen, mir das anzuschauen, den Park, das schlossartige Institut. Einfach um dazustehen, wie ich es jetzt tue und mich dabei zu beobachten, wie ich die Haltung von beneidenswert konsequenten, das heißt entschlossenen Personen annehme. Ein Bein leicht nach vorne ausgestellt, das Becken ein bisschen zur Seite geknickt und in unangemessener Kleidung, alles zu dünn, das Hemd offen bis zum Brusthaar. Nicht dafür gemacht, dass das hier echt sein soll. Vielleicht dafür gemacht, mir einen Rausch aus dem Blut zu spazieren, oder um vor mir selbst gut dazustehen und so wie ich es von schmeichelhaften Fotos her kenne. Auch zu rauchen und eine Miene zu ziehen, die gefasst auf die nächsten Schritte blickt, selbst wenn dieses Programm das Ziel verfolgt, meine Substanz zu zersetzen. Da liegt der Fehler: „selbst wenn“. Darum geht´s doch, der Aufbruch ins Allerkleinste. Ich will übersiedeln in die Orientierung von Elementarteilchen – ich up, Hase down –, kann mich da aber nicht reinversetzen, wäre lieber ich, wie ich hier stehe und im Gewand vom Hasen, oder vom goldbedampften Kästchen.
Das Gefühl hat einen Fehler: die Welt ist klein und handlich gemacht worden und jetzt fehlt mir und meinen Händen der Zugriff. Was wir uns da gebaut haben, können nur noch die zarten Berechnungen einiger Programme, oder die Fühler von Robotern befummeln. Gleichzeitig müssen wir damit leben, es hier auszuhalten, zumindest noch eine Weile lang. Ich jetzt hier und nicht woanders, zum Beispiel in Duisburg und da komme ich auch so schnell nicht hin. Zumindest nicht so sehr, dass ich da eine Bockwurst essen könnte. Wir haben Raum und Zeit zusammengefaltet und unseren Verbleib nicht recht geklärt.

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(Wiese, Fuchs und Hase)

Die Raumschiffe der neueren Generation sind nur noch so groß wie eine Weinflasche. Sie können höchstens eine Streichholzschachtel mit an Bord nehmen, das sind keine Schiffe mehr. Das ist so wenig ein Ausweg, wie der Wunsch ein Tierchen zu sein, oder eben die Tendenz zu diesem Hasen da vorne in der Wiese. Wohin es auch geht, wir werden hier zurückbleiben und unsere durstigen Nachbarn drängen hoch zu uns, rütteln an unseren Zäunen. Es gibt da diese bekloppten Filme und Spiele, die das anders darstellen. Da haben sie es nicht über den Zaun geschafft und uns sind Bärte gewachsen, während wir uns die Schamhaare schneiden und zur Natur zurückkehren. Dort dann Freundschaft mit den Tieren, Wanderungen, Hand in Hand mit irgendwelchen Herden durch überwucherte Ruinen und verseuchte Steppen. Aber was kümmert schon ein Reh der Tumor in seinem Bauch. Auch Filme von Fahrzeugen, die das Ruhrgebiet oder mindestens einen Villenvorort als Ganzes in sich vereinen, die mit blau oder grün glimmenden Motoren geschäftig von Stern zu Stern ziehen und sich mit Problemen der Zukunft herumschlagen. Das ist so sehnsüchtig. Ich habe und meine Fantasie hat eine Sehnsucht danach, notwendig zu sein, eine Bedingung zu sein. Diesen gebrechlichen Körper mit all seinen Haaren und Flüssigkeiten nicht vergebens durchs Leben zu schleppen, sondern weil dieser Park hier mich braucht und ich ihn. Man muss sich doch irgendwo befinden, damit das da irgendwo wirklich ist und ich wirklich bin. Währenddessen friere ich an den nassen Füßen und jemandem mit dem ich Karten spielen könnte, brennen die Sohlen im Wüstensand.
Das ist dann wohl die Ausbildung – den Fehler im Gefühl zu korrigieren, das Gefühl zu korrigieren und nicht von mir auszugehen, wenn der Fuß da unten friert. Ich und der Hase und wahrscheinlich noch ein Duzend anderer Tiere, die ihm nachstellen und von denen ich nichts mitbekomme, der kleine da drüben aber schon. Das geht in so eine Richtung und ich kann´s doch nicht spüren. Die Gruppe professionell untergehender Frauen und Männer dagegen, die sich im Bauch einer Computersimulation mit letzter, gespielter Kraft gegen eine unbezwingbaren Schar von ebenfalls zu Bildern gerechneten Problemen stemmt und das alles in der mörderischen Leere eines programmierten Weltalls, sowas rührt mich zu Tränen. Nicht weil die Figürchen auf der Leinwand alle sterben müssten. Es scheint da so um Abschied zu gehen, um Verlust, aber das ist es nicht. Ist ein getrickstes Mahnmal für den eigenen Körper. Kitschige Hoffnung, dass es uns auch in 50 Jahren noch geben möge. Auch ein Traum von anderen Verderben, als den Verfügbaren.

Ein Specht maschinengewehrt eine Höhle in einen Baum Die Zigarette ist aus, hier stehen zu bleiben ist machbar, aber es macht nicht glücklich. In den Wald gehen auch nicht, nicht im Nebel. Angst beim Gedanken an den Zaun, da schlummert dieses ganz alltägliche Verderben, dass eines Tages oder heute morgen die ersten Gestalten erscheinen und dran rütteln werden. Also bleibe ich doch stehen, ziehe aber immerhin die Schuhe aus. Die wärmen eh nicht und ich will unter solchen Umständen lieber die Wiese spüren, als glattes, nasses Leder. Das Problem mit dem Übel ist ja, dass ich zwar akzeptiert habe, es sei notwendig und es gebe kein Entkommen. Dass ich mir in der Not aber nie das anstehende, sondern immer irgendein alternatives Übel herbeisehne. Eben nicht das Übel mit den Fremden am Zaun, von deren Problemen wir sowenig spüren, wie sie von unseren, die aber bald Gerechtigkeit von uns einfordern werden.
Bevor ich hierher gekommen bin, habe ich mich zum Beispiel öfters mit einem Jungen aus dem Süden getroffen. Das war eigentlich ganz real und Abends war ich müde. Er war es nicht, er saß immer bis morgens da und war froh, dass er es geschafft hatte über so viele Breitengrade nach oben zu kriechen. Ich war froh mit jemandem am Feuer zu sitzen, der erst vor kurzem um sein Leben gerannt war. Das war echt, ich habe mir gedacht, der Krieg ist zu uns vorgedrungen und wahrscheinlich hat das gestimmt. Froh, dass das so wirklich war. Eines Tages war der Junge nicht mehr so froh – man hatte einen Freund von ihm erschossen. Ich habe den Jungen dann gemieden, weil ich seine Trauer nicht gespürt habe, nur meine Vorstellungen über mich in seiner Heimat. So ein Ausflug dahin war abenteuerlich, aber Sympathie oder Mitleid, das ist etwas Anderes. Ich bin mir dabei selbst wie eine Simulation vorgekommen. Den Jungen habe ich schnell vergessen, aber mich nicht. Ich wollte der Sache nachgehen, also bin ich im darauffolgenden Urlaub besonders umständlich und langwierig auf mein Reiseziel zugefahren. Mit Bussen und Zügen, zu essen nur Kekse, tagelang nicht die Zähne geputzt und eine völlig zerfledderte Klorolle im Gepäck. Anstatt eines Computers hatte ich ein Notizbuch und einen bald stumpfen Bleistift dabei. So hat sich tatsächlich das Gefühl eingestellt, ich hätte etwas hinter mich gebracht, ich, 1 Meter 80, 69 Kilo, hätte einen Raum durchmessen. Nur war es ja meine Entscheidung gewesen, das so zu machen, ich hätte auch anders gekonnt. Es genügt nicht, den Fahrplan durcheinander zu wirbeln, man müsste sich schon wirklich in Schwierigkeiten bringen, in eine bedrohliche Situation, aber das traue ich mich dann auch wieder nicht. Solange ich mich dazu entscheiden kann, was ich tue, hat das immer etwas Künstliches an sich – man streift dann durch eine von so und so vielen Möglichkeiten. Es soll bitte ohne meine Entscheidung geschehen und dann soll es immer etwas anderes sein, als das was geschieht. Ich werde mit dem Programmleiter darüber sprechen müssen.

Da im Wald, auf der anderen Seite des Bachs schlummert der Zaun. Die Gestalten sind unterwegs zu ihm und tatsächlich übel wird es, weil das Wasser knapp ist und weil wir das Gerangel darum verlernt haben, sie aber nicht. Das Kaninchen hat für solche Details nichts übrig, es hat sich gerade dafür entschieden, dass es wohl nicht in Gefahr sei. Wasser, Raumfahrt, echt und falsch, das ist ihm egal. Es schüttelt den feuchten Film aus seinem Fell, bellt einmal den Morgen an, bellt nochmal, dann wendet es sich dem Wald zu und hoppelt gemächlich davon. Und seine Jäger? Die bleiben weiter möglich, schleichen unsichtbar durchs hohe Gras, relativ sicher tun sie das, oder auch nicht. Im Wald dunkelt es bläulich, der Nebel hängt so tief wie eben noch, im Institut ist nur in den Küchenfenstern Licht. Die Rasenmäher stehen geparkt am Ende ihres Tagwerks: an der Spitze einer der Schneisen durch die Wiese. Ein Wegenetz aus kurzgeschorenem Grün, der Wahrscheinlichkeit zur Folge heute gegen Abend mit Sicherheit vollständig, alle Lücken geschlossen, alles flach. Mir ist kalt, dagegen hilft auch keine Zigarette. Nicht die Sorte Kälte, die in die Ränder der Ohren beißt. Eher die Sorte, die an einem saugt, in allen möglichen Richtungen nach außen, Grad für Grad die Wärme abzieht.

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1. Der Rand des Grundstücks ist verschwommen

Der Rand des Grundstücks ist verschwommen. Da ist Wald, oder zumindest sind da zu viele Bäume, um durchzuschauen und zu sehen, was dahinter liegt. Irgendwo im Unterholz kriecht eine unsichtbare Linie entlang, besagt, dass da Schluss ist und dass da das Nachbargrundstück anfängt. Wildnis gibt es hier nicht, nur Nachbarn, auch wenn die nie zu Hause sind. Man geht durch den Wald und stolpert eher, irrt durch den Rand des eigenen Grundes, oder schon durch den Rand des nächsten. Dünne Äste zerren an der Jacke, verhaken sich in einer Tasche wie ungeschickte Diebe, reißen den Stoff ein, der Boden ist weich, greift nach den Füßen, knackt unter ihnen und knistert. Mitten im Rand bricht der Rand tatsächlich ab, fällt in steilen Klippen ein paar Meter, oder eineinhalb Kleinwagen lang herunter in einen Bach, vielleicht über der Grenze, vielleicht auch nicht, die bleibt ja trotzdem verschwommen.

Da gibt es eine Nische, wo die Felsen im waldigen Uferboden verschwinden. Dort würden sich Liebende treffen, wenn es die hier gäbe und sie hätten das Gefühl, vor irgendwelchen Blicken geschützt zu sein, oder vor den eigenen, die sonst ausschweifen könnten. Der Bach drängt auf einen Fuß in ihm, mindestens auf einen Fuß, eigentlich möchte ich mich ganz da reinlegen, nackt und untergetaucht, mit dem Gesicht nach oben, wie man es aus Filmen kennt, oder aus einem alten Musikvideo. Aber natürlich ist der Bach arschkalt und natürlich sind meine Füße für Socken gemacht und für wasserdichte Schuhe. Das alte Video kennt keine Kälte, es kennt nur das Sofa, oder den Schreibtisch im beheizten Jugendzimmer, die singende Wasserleiche hatte keine Gänsehaut und wurde nicht von hunderten kleiner Fischchen angenagt. Lieber also nichtmal den Fuß reinhängen, lieber nichts anfassen hier, das sich dann eventuell anders anfühlen könnte, als meine Vorstellung davon. Hinsetzen ja, auf eine weiße Plastiktüte – ich habe immer eine davon in der Tasche, immer eine weiße, man kann die dann zur Not am Stock schwenken und sich ergeben. Der Bach plätschert, ich sehe keine Fliegen, oder Spinnen, weiß aber, sie sind da, trage Insekten in meiner Erinnerung, so groß wie ein Fernseher, Härchen von der Dicke einer Pommes, gekachelte, schillernde Augen. Was müsste man tun, um Teil davon zu werden, vielleicht ohne die Grausamkeit unter den Tieren? Mit den Fischen schwimmen, neben der gigantischen Libelle auf dem Blatt sitzen, als untote Schönheit unter dem Wasserspiegel in den Himmel, oder das Blätterdach singen „They call me the wild rose…“. Auch die Liebenden sein, aber ohne Angst vor Verlusten, ohne verlogenes Geheimnis und einander an den Hosenbund gehen, ohne eigentlich recht dringend mindestens pinkeln zu müssen. Ich habe das Gefühl, mein Blick hat Gesellschaft. Ich sitze ganz bestimmt alleine hier in der Nische, aber ich schau mir das nicht alleine an. Vieles in mir schaut mit.

Rauchen, um sich eine Zigarette gedreht haben zu können. Rauchen ist kein Problem mehr, wir dürfen das, müssen nicht mehr durchtrainiert sein für die Reise. Keine Zentrifugen, in denen man auf die Beschleunigung beim Start vorbereitet worden wäre, kein Waschbrettbauch gegen den Schock beim ersten Mal Schwerelosigkeit. Rauchen und Wald, das passt zusammen, rauchen und Bach erst recht. Ich möchte über die Arbeit nachdenken und schmeiße einen Stein an die Felswand gegenüber. Es knackt, platscht, ist echt, das war ich und niemand sonst. Wir sind ja die ganze Zeit am Arbeiten, da kommt man garnicht dazu, sich zu fragen, wohin all die Arbeit geht, oder wo rein. Die Spitze der Zigarette glüht auf, qualmt, knistert, das Knistern kenne ich, es gehört nicht hier hin, oder das hier alles, die ganze Szenerie gehört in etwas Anderes das ich kenne, aber zurück zur Arbeit. Dieses ganze Projekt, die ganze Maloche, das geht nach innen. Rein in einen Glauben an die Sinnhaftigkeit meines, unseres Tuns. Der Rasen wird von Robotern gemäht, die Wäsche machen Maschinen, sogar die Atmung wird einem im Zweifelsfall abgenommen. Und dann sitzt da dieser grauhaarige Abteilungsleiter an seinem Tisch und führt Protokoll, macht Notizen zu meinem Gemüt, vergibt Punkte und hält den Mythos aufrecht, dass man ihm das nicht abnehmen könne, dass sein Gespür und seine Empathie durch niemanden, aber vor allem durch nichts zu ersetzen seien. Arbeit in diesen Glauben und darein, den aufgeklebten Elektroden beim Start und den undurchsichtigen Kästen, Drähten und was nicht allem Glauben zu schenken, dass das – Gott oder der Grauhaarige weiß wie – irgendwelchen Teilchen, oder gar Lebewesen am anderen Ende des Weltalls klarmachen wird: der Mensch am Draht sei in sie gefahren.

Mich hat jetzt etwas verlassen. Der Bach, die Klippen, der Wald, alles noch da, aber mein Blick ist einsam geworden, schaut alleine durch die Gegend. „Realistisch“ vielleicht, „-istisch“, also WIE die Realität. Die Tierfilme und Musikvideos sind abgetrieben, sie sind vom Darübernachdenken verdrängt. Sie waren nicht wie die Realität, sie und ich zusammen, das war real. Mir wird kalt, meinem Blick wird kalt, einsam eben.

In so eine Einsamkeit wird unsere Arbeit auch gesteckt: Wenn wir mal von den Sternen zurückkehren, wer soll uns dann ein Wort von dem abnehmen, was wir zu berichten haben, von unserer Liaison mit der Ferne? Ich werde dort allein gewesen sein, ja sicher, in Gesellschaft der Tierfilme, aber ich werde nichts von dort mitbringen können außer mich und meine Erinnerung an die Fremde. Das was dann sprechen wird – wenn ich denn nach jahrelanger Verkrampfung noch werde sprechen können –, ist die ganze Zeit über im zweiten Stockwerk auf der Station gelegen und hat ins Bett gemacht. Wenn die Ersten von ihren Ausflügen zurückgeholt sind, werden wir Geschichten hören, denen wir nicht mehr Glauben schenken können, als den Berichten antiker Seefahrer: Monster, halb Schwein, halb Schlange und mit sehr großen Brüsten. Wie aus solchen Matrosen, wird es aus den klapprigen Gestalten sprudeln, vielleicht von „fremdem Licht“, „bunten Monden“, von steinerner Einsamkeit und schwachem Halt „irgendwo im Bann des laukalten Sternchens in meinem Rücken“. Die Seefahrer hatten den Vorteil ihrer Zeit, das Wissen war damals biegsamer, gefügiger. Wir werden niemanden haben und keine Epoche, der oder die unsere Aussagen stützt. Zum Beispiel diese Frau von heute Vormittag, Sanne, wird alleine aus ihrer Mission aufwachen, am Tisch des Programmleiters sitzen, vielleicht in einem Rollstuhl, und das Silberhaar wird nicht anders können, als ihre Rede für bare Münze zu nehmen. Er würde sich ja sonst selbst um den Job zu bringen, müsste das Programm für unglaubwürdig erklären und es einstellen.

Auf der Klippe gegenüber knarzt es, ein Ast fällt von einem Baum und verheddert sich im Stacheldraht, das ist die Grenze.

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2. reise zum stern, gebüsch, oder eisklumpen

(Wunderzeichen) Den 23. Juli hat die Sonn den ganzen Tag blaß-roth geschienen / welches ein großes Schräcken zu Statt und Land gebracht.

Den 28. Jul. starb Felix Platerus der weltberühmte Stattarzt zu Basel

(Erbidem) Den 24. Septemb. hat sich widerumb ein erschrocklicher Erbidem zu Basel erzeigt nach mitternacht. Da mit großem braßlen die Erd/ und hiermit alle gebäw von einer Seiten zur anderen erschüttert worden.

(NR. S. Vitus ward vö seinem Vatter ubel geschlagen, daß er die Götzenbilder verachtet; richtet aber nüts aus. Deshalben er ihn mit mancherley lieblichen kuirzweilige Muste und Tänzen mit jungfen töchteren / understund zur Abgötterey zu bereeden)

Es schreibt D. Felix Platerus, libro 1. Obervationum Medico. fol. 87. (welche in disem Jahr ausgegangen) daß in seiner Kindheit ein Dienstmagd allhier zu Basel / mit einer erschrocklichen Tanzsucht / S. Vitz-Tanz genandt / behafftet gewesen sey / welche zum Rupff in Eschemer-Vorstatt zu tanzen von Stattknechten geführt worden. Mit derselbigen nun haben ettliche Starcke Männer / so von der Obrigkeit darzu verordnet warren / in rothen Kleidern und weissen Fäderen auff dem Hut / einer umb den anderen / tanzen müssen / welches vast einen ganzen Monat Tag und Nacht gewähret / ohnangeschehen sie die Fußsolen abgetanzet hatte. Und ob schon sie zu Zeiten gesessen / und vom Schlaaff gerrieben nider sitzen mußte / hat doch ihr Leib immerdar gehupfet / biß daß sie an Kräfften also abgemattet / nicht mehr stehen können. Endtlich aber vom Tanzen nachgelassen / in Spittal geführet / darselbst erquickt / und widerumb zu recht gebracht worden.

(1616) Zu disem Jahr ward H. Johann Bernhard Ringler der 66. Burgermeister.

(Drach) Den 25. Junii umb 9 Uhr nachmittag ist zu Basel ein fliegender Drach gesehen worden.

Den 6. Aug. starb H. Hieronymus Mentelin / obrister Zunfftmeister zu Basel.

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Der Programmleiter hat mich darum gebeten und mich eigentlich aufgefordert – Programmleiter bitten nicht, sie fordern –, ich möge ihm doch Anhaltspunkte zu meinem Gemütszustand geben. Hier sitzen wir, wie jeden Tag um viertel nach zwei in seinem Büro mit knarzendem Parkett und keinen Büchern darin. Seit die Bücher den Festplatten gewichen sind, haben alle Räume diesen Hall, den sie fürher nur beim Renovieren und bei Umzügen hatten. Der Herbst scheint matt durchs Fenster und ich soll mein Innenleben an einer Farbe aufhängen. An der Nähe zu einer bestimmten Fraunhoferlinie, sagen wir beispielsweise, 527 Nanometer, oder blass-hellgrün und nahe an der schwarzen Lücke, die verdampftes Eisen in einen Regenbogen schlägt. Der Leiter sitzt in seinem Stuhl mit Federungen in vielen Achsen. Er schwingt, wippt zum eigenen Puls oder zum Rhythmus vom Vorabend, hält mich in seinem Blick über den Tisch weg gefangen. Seinen Kopf samt dünnem Haarschnitt hat er leicht zur Seite geneigt, bewusst oder unbewusst meine eventuelle Schieflage zu illustrieren, oder unser schräges Verhältnis. Diese zarten, grauen Haare, die scharfe Kante, mit der sie abbrechen. Unter ihnen, nicht weit hinter weißer Haut und Knochen verborgen, sitzt eine Befugnis, fallen Entscheidungen über Tod und Teufel, über Gehälter und über die Frage, wo wir als nächstes und ob wir überhaupt tätig werden sollten. Ich würde den Kopf gerne in Händen halten, sein dürres, silbriges Fell streicheln, die Berge und Hügel dieses Schädels mit den Fingern durchwandern. Spürt man „die Macht“, wenn man sie streichelt? Wohl nicht, das ist ja der Witz bei der Sache, dass man sie eben nicht zu fassen bekommt. Und wenn du jetzt weiter die Frage im Raum ignorierst, aufstehst und dich über den Tisch beugst, um diesen Kopf zu packen – wenn überhaupt, dann wird das nicht „jene Macht“ sein, dann hast du deine Finger doch nur in den Haaren eines mittelalten Herren, der, solange du ihn befummelst, von seinen großen Geistern verlassen, sich zu wehren suchen wird.

„Also?“ fragt er. „Fluoreszierend“ sage ich. Dass ich mich langsam auf ein Rosa zubewege, halte ich noch zurück. Ein Neonrosa, also etwas Freundliches, aber mit grausam strahlendem Hintergrund. Da leuchtet etwas Kaltes nach, leuchtet durch die lieb gewonnene Farbe hindurch und lässt sie flirren. Sexy auch, freundlich und abgründig. Der Kopf des Leiters korrigiert sich in die Senkrechte, er will wissen, welche Farbe und was ich mit dem Fluoreszieren meine. „Kaltes Leuchten“, im Stoff meines Gemüts glimmen Reste eines verwandten und scheinbar gegensätzlichen Zustandes – „aber nun gut, Neonrosa.“ Jetzt ist der Graue zufrieden, hat bekommen was er wollte und breitet in brüderlichem Ton aus, dass ja Rosa eben nicht im Spektrum zu fassen wäre, weil es doch eine Mischung aus Rot und Blau sei und so fort und dass wir uns ja selbstredend im Klarem wären, wie vielschichtig und unverwaltbar unsere Gemüter bei Zeiten sein könnten. Scharfe Linien für Eisen, Sauerstoff und Helium, ja, das schon, aber keine Linien für Holz, Glück und Trauer.

Mir ist langweilig, ich kann den Eifer meines Gegenübers nicht teilen. Er notiert etwas, schreibt mit seinem Füller mit. Das macht so einen geordneten Eindruck, als stecke da System drin. Eine Liste, vielleicht eine wachsende Punktzahl, in deren Summe dann eine Erkenntnis zu meiner Eignung läge.

Ich möchte über Sanne sprechen. Heute morgen war ich auf der Station, das gehört zur Ausbildung, wir müssen da jeden Tag ein paar Stunden verbringen. Wir müssen die Gestalten aushalten, wie sie da in ihren Betten liegen, müssen sie wickeln, ihre verkrampften Hände und übrigen Gliedmaßen massieren, vielleicht ein bisschen über Quanten nachdenken und über die Distanzlosigkeit miteinander verschränkter Teilchen, egal in welchem Winkel des Universums sie sich gerade befinden. Den Kiefer auch bearbeiten, aber bloß nichts messen, weil das solche Teilchen nicht mögen, weil sie sich dann dazu verhalten und eine Pose annehmen, wie ein Mensch wenn er eine Kamera sieht. Keine Ablenkung und kein Rauschen. Wir dürfen unseren Orakeln keine Geschichten vorlesen, keine Lieder singen, sie nicht dort streicheln, wo es aufregend ist. Das ist die Ausbildung. Es aushalten, Monate, ein Jahr, zwei Jahre lang vergebens auf ein Flüstern vom anderen Ende der Verschränkung zu warten. Vor allem die Frage ausschöpfen, ob wir wirklich ihre Plätze einnehmen wollen, bevor wir eines Tages mal werden dürfen wie sie. Im zweiten Stock des alten Spitals, im langen Saal und einander gegenüber liegen 50 Kollegen, oder eben solche, die es durch die Ausbildung geschafft haben. 50 luftgepolsterte Betten mit nicht wachen, nicht schlafenden Reisenden, ihr Stoffwechsel samt flüssigen Abfalls über Schläuche und Drähte von Maschinen reguliert, alle mit mehr oder weniger vielversprechenden Gebieten unserer Nachbargalaxie im Andromeda verschränkt. Daneben sitzen wir Azubis auf Hockern, die Zustände der Kollegen zu studieren, um selbst jeden Nachmittag und wie ich jetzt überprüft zu werden, auf Sorgen und Realismus im Umgang mit so einem halbweltlichen Zustand.

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(Arm, Mann und klobige Fantasie zur Raumfahrt)

Heute lag also diese Frau vor mir, um die Ende 30, mit ihrem Vornamen auf das Nachthemd gestickt. Ich hätte Alter und den Nachnamen von ihrem Armband ablesen können, aber ich fand das unangebracht. Sie lag hier ja nicht wirklich, war nur zur Hälfte, oder nur durch einen automatisierten Körper anwesend. Es kam mir voyeuristisch vor, mich weiter mit ihrer so entfernten Persönlichkeit zu befassen. Nicht viel anders als ein Stalker, der heimlich die bloßgelegten Anteile irgendwelcher Nachbarn sammelt. Die Gestalt im Bett hieß Sanne und in ihr versteckt, still im verzerrten Körper, lag ein sehr abwesendes Krümelchen ihrer Person, a tiny spirit in a k-hole, eine verlorenes Stück Ich oder Selbst, das sich kaum mehr auf Sannes Glieder, Organe oder dergleichen bezog. Es lag da als Perle im Dunkel einer tiefen Höhle, wie die 49 Anderen gehüllt ins selbstmitgebrachte Kleidchen und diesmal beschriftet mit „Sanne“. Ist mir zu intim, ich werde keinen Spitznamen auf der Brust tragen. Ihr anwesender Rest in den spastisch zerknitterten Händen, Mundwinkeln und Stirnfalten, Sanne in dumpfer oder doch keiner Teilnahme an diesem Saal mit Linoleum auf dem Boden, Raufaser an der Wand und mit einer dicken Plastikleiste und allerhand Anschlüssen über den Betten. Die übrige Frau – oder was sie insgeheim ist – in einem Gesteinsbrocken, in einem eventuellen Gewächs, vielleicht sogar in einem vernunftbegabten und jetzt seines Selbstes verlustig gegangenen Lebewesen. Daraus schaut die Kollegin Lichtjahre von hier entfernt um sich und weiß nicht, wie ihr geschieht, oder wie sie der kristallinen Starre (Steinklumpen) entkommen kann. Sanne, der Klumpen, oder ein anderes Stück Materie, unmittelbar heute Morgen und noch knapp eineinhalb Millionen Jahre lang unsichtbar, bis das Licht und vielleicht ein Beweis ihres Aufenthaltes bei uns angekommen ist. Währenddessen habe ich versucht, ihren linken Mittelfinger aus seinem unguten Winkel zu holen. So läuft es, wenn die Frau Glück hat. Hat sie Pech, ist sie ins Leere geschickt worden. Das ist traurig und sehr wahrscheinlich. Man wird in den meisten Fällen eben nicht mit etwas Handfestem verschränkt, das man begreifen könnte. Wir müssen davon ausgehen, dass wir – angenommen, wir schaffen es durch die Auswahl – zerstreut werden und mit zahllosen, mutterseelen einsamen Teilchen im großen, dunklen Nichts zwischen den leuchtenden Inseln der Galaxie vermählt werden. Unwahrscheinlich, dass noch unsere feinsten Instrumente genau genug sind, um mich überhaupt erfolgreich in einen Bereich zu bringen, wo irgendetwas sich meiner annehmen und ich in es fahren könnte. Immer dran denken: nichts messen, messen verfälscht, das haben wir nachgemessen.

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(vielversprechender Bereich; Ektoplasma)

Ausgangspunkt der Reise ist ein herrschaftliches, dabei offiziöses Gebäude des vorletzten Jahrhunderts, erhöht auf einem Wiesengrund gelegen, Splitt in der Auffahrt und Eichen im Park. Das Haus weiß, die schmalen Fenstersprossen außen dunkelgrün, innen weiß gestrichen, damit von außen kein Gitter zu erkennen ist, von innen derselbe Gedanke. Keine Startrampen, oder Geruch von Treibstoff, kein Ungetüm aus Beton, um Feuerstrahlen zu verwalten. Keine Formen, die eine unerreichte Zukunft behaupten, oder irgendeinen Fortschritt. Wir erobern das Innere der fremden Welten, ihre Wahrnehmungen, nicht ihre Gestalten. Ein altes Sanatorium mit Fischgrät in den Büros und Linoleum in den Fluren und Sälen, Spazierende im Park, die nicht in den Himmel schauen, wenn sie an den Kosmos denken, zwei Fahrzeuge irren über die Wiesen – rund wie Kuchenformen nur etwas größer. Sie mähen das Gras auf ihrer Suche nach Kontakt zum nächsten Hindernis, das ihnen eine neue Richtung bescheren würde.

Ausgangspunkt ist ein gepolsterter Stuhl mit Schnallen für die Arme, Beine und den Kopf, mit Drähten und Schaltern und das Ganze verstellbar, aus dem Sitzen bis in die Horizontale zu kippen. Daneben eine Bahre auf rollendem Chrom-Gestell, ein Gerät zur Beatmung und eines, das Herz zu schocken. An der Wand über der Tür hängt eine Uhr mit drei Zeigern, mit Strichen für Stunden, Minuten und Sekunden umklappenden Plättchen für das Datum, damit zu jeder Zeit jeder Zeitpunkt genau dokumentiert werden kann.

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Heute, als an dem Feste der unbefleckten Empfängnis Mariä, wurden von einer gewesenen Hofschmiedstochter von München, ihres Alters im 23ten Jahr, nachdem sie 18 Wochen im Kloster gewesen, 10 tausend Millionen Teufel ausgetrieben.

Die Anfangsumstände dessen, so sich bereits am Vorabend zugetragen, hat man um deswillen allhier mitzutheilen Bedenken getragen, weil der Teufel aus dem Munde der Patientinn so erschreckliche Lästerungen ausgestoßen, dass man ohne Entsetzen dieselbe nicht lesen würde. Es waren aber solches hauptsächlich Lästerungen wider Gott, wider die allerheiligste Jungfrau und die Heiligen im Himmel. Und die Patientinn war nicht vermögend, den bösen Geist in ihr zu bezwingen, weil das große Vertrauen (welches doch der erste Grundsatz ist) ihr noch mangelte, um den höllischen Geist in ihr schweigen zu machen; so aber im Gegentheil an diesem Tag desto größer war; und welches aus dem erhellet, dass auf alle ergangene Fragen der Teufel gehorsamen musste; und eben so gehorsam musste er sich auch nachgebends in wirklicher Äußerung der Krankheitszufälle, die hier alle der Ordnung nach verzeichneit sind, beweisen.

(Aus dem Protokoll)

(…)

– Ich beschwöre dich durch die Kraft des h. Namens Jesu, daß du mir sagest, warum du, höllischer Hund, dich gestern so bossärtig gegen mich aufgeführt hast, da du unter andern die Vermessenheiten verlauten ließest, du hättest mit Gott Sitz getauscht. Erinnerst du dich nicht mehr, daß du um eben dieses Lasters der Hofart willen auf ewig aus deiner Wohnung des Paradieses herabgestürzt worden bist?

– Das weiß ich nur gar zu wohl.

– Und warum bezeigest du dich dann gleichwohl stolz und hoffärtig gegen mich?

– Darum, damit ich dich in Verwirrung setzen könne. Doch, was nützt mich alles dieses, da ich doch weiß, daß ich anheute, zu Ehren der unbefleckten Empfängnis Mariä, aus der verfluchten Creatur (Hofschmiedstochter ) weichen muß, und zwar wird solches durch dich, verhaßter Pfaff, geschehen müssen.

– Durch mich? –

– Ja, durch dich allein, denn von allen denen, die sich an mich gewagt haben, besaß kein einziger die Gewalt über mich.

– Kann denn in München keiner die Kunst, Teufel auszutreiben?

– Oh nein, es sollten solche Pfaffen wohl bey dir in die Schule gehen.

(…)

– Du bist der Mittagsteufel? – Wie! – bist du ganz alleine?

– Nein, ich habe noch 7 Millionen bey mir, und zwar lauter Unkeuschheitsteufel.

– Das ist erlogen. Ich beschwöre dich, dass du mir die Wahrheit sagest.

– Ich habe dirs schon gesagt, und sag dirs abermal, dass ihrer 7 Millionen sind.

– Du bist ein Lügner; ich beschwöre dich zum letztenmal, und zwar bey allem, was im Himmel ist, dass du ordentlich bekennest, wie viel Geister du bey dir habest?

– So wisse dann, dass unsere Anzahl zehn tausend Millionen ist, keiner mehr und keiner weniger.

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Die Fangfrage lautet: Was ist Dir lieb und teuer? Darauf gibt es keine Antwort, die einen für den Alleingang qualifizieren würde. Zu sagen: nichts, mir sei nichts teuer und nichts lieb, weder ein Mensch, noch sonst was, das sich bildlich, sprachlich, oder als Gefühl vermissen ließe. Zu behaupten, ich sei gleichzeitig auch nicht sauer auf die Welt oder auf jemanden unter ihren Bewohnern, das bringt einen beides nicht weiter im Prozess. Genauso wenig hilft es, wilde Leidenschaft für etwas oder jemanden vorzuspielen, oder diese Leidenschaft tatsächlich zu besitzen und sie frei raus zu blöken. Dem Silberhaarmann auf der anderen Seite des Tisches geht es um den Ton in meiner Antwort. Darum, wie ich über das zurückgelassen Werdende spreche. Was ich davon beim Namen nenne, was davon ich für mich behalte und in welcher Verlegenheit, oder vielleicht doch mit Gepolter. Er sammelt das ein, den Ton, die Heimlichkeiten, die Verwindungen die ich mache, wenn ich mich an seinen Fragen vorbeizwängen möchte. Er verstaut es in einer finstren Kiste zusammen mit vielem anderen Getue aus den unzähligen Befragungen. Man kann die Statistik nicht verlassen, kann sie nicht verarschen, das sieht sie vor, dafür hat sie eine eigene Spalte. Wenigstens gibt es dann kein Richtig und Falsch im Detail, das ist ein bisschen verzeihlich.

„Was ist mir also lieb und teuer? Das kleine Bild in meinem Zimmer über meinem Bett. Da sieht man ein kleines Zimmer mit Bett und Tisch und Ofen, ein Schiff im Regal, ein Fenster nach draußen auf ein Haus. Aber können wir darüber ein andermal reden?“

Der Graue trägt einen weißen Kittel, obwohl er nie hinter seinem Tisch hervorkommt, nie jemanden anfasst. „Alte Schule“, er trägt das Ding, um sich im Labor zu wissen und das zum Feierabend ablegen zu können. Seine Fragen richten sich an ein Training, das ich wie die Anderen durchlaufen habe, von dem ich Zeit meines Lebens nichts wusste. Das macht das ganze Prozedere so undurchsichtig. Es ist nicht, als ginge es um eine bestimmte Routine, die wir solange einüben, bis es unsere, bis es meine Routine wäre. Dann wäre dieser und jener Handgriff ein Teil von mir geworden, oder ich an der Aufgabe gescheitert. Es geht hier eher um die passende Biografie vor dem Job. Darum, bereits gescheitert zu sein, oder geeignet, weil das, was ich nicht ‚Seele‘ nennen will in den geeigneten Bahnen durchs Leben spaziert ist. So was kann man nicht lernen, es ist gegeben. Das ist Talent und kann nicht gefälscht werden. Früher hat man den Gleichgewichtssinn von Bewerbern getestet, wie gut sie mehrere Aufgaben gleichzeitig bearbeiten konnten, ohne dabei einem Druck zu erliegen und so weiter. Es war darum gegangen, am Ende in eine Maschine zu klettern und zum Mond fliegen. Das konnte man lernen, es gab Schulen dafür, man konnte sich mit Haut und Haar, mit Hirn und Hormonen dazu qualifizieren. Die Apparatur war kostspielig, die Arbeit vieler Menschen ist in die Hände Einzelner gelegt worden. Man war quasi die Fingerspitze eines hunderttausend Kilometer langen Armes und hat den fernen Staub befummelt. Das Glück und der Erfolg solcher Expeditionen lag im Dasein, darin, mit möglichst wenig Ballast, aber immerhin eben mit Haut und Haar einen unwirtlichen Ort zu erreichen. An dem hat man sich dann abgemüht, geschwitzt und geackert, als würde die Fremde dadurch Teil von einem selbst. Ein bestellter Acker, auch wenn jeder Tropfen Schweiß im Futter des Anzugs mit zurück auf die Erde genommen worden ist. Das, was von uns hier im Bett liegen bleibt, ist so ein vollgeschwitzter Anzug. Der verkabelte Körper von Sanne ist ihre Bedingung, erlaubt ihr, andernorts in einen Strauch, einen eisigen Klumpen, oder in irgendein absonderliches Lebewesen mit völlig unverständlichen Instinkten zu fahren. Das wäre dann wohl eine Anforderung: mein Glück nicht an den Stoffwechsel gebunden zu haben, keine Verzweiflung oder Traurigkeit beim Verlassen der Erde und des teuren Etwas mit Armen und Beinen. Bereits erste Erfahrungen im Verlassen der dicken Kugel haben, das gewohnt sein. Auszuschwärmen in die Unschärfe, während das fleischige Gestänge unten liegenbleibt, oder mit dem Bus fährt, ein Verhältnis wie das, zwischen einem grauen Sendemast auf trister Wiese und dessen Signal, das sich – bunt wie ein Regenbogen, neugierig und aufgeregt wie verliebte Teenager – seinen Weg durch kosmische Nächte sucht. Oder so ähnlich.

raumanzug01(Anzug für die Ferne; inwendig Schweiß)

Ich frage den Grauen, welcher Lebenslauf geeignet wäre. Er stutzt, vielleicht, weil er nicht mit Fragen gerechnet hat. Dann lächelt er und ich kann mir nicht helfen, ich wittere eine Karriere. „Kein Lebenslauf, es geht nicht um die Stationen, durch die sie sich bewegt haben und die Auszeichnungen, die eingesammelt wurden. Es geht um ihr Verhältnis dazu.“ Da hat er Recht. Da sitzt zum Beispiel der Graue und hat es echt weit gebracht in seinem Beruf, mehrere DIN à 4 Seiten voller Ruhm, die nichts über sein Motiv hinter dem ganzen Gebuckel verraten. Es müsste aber eben ein Motiv sein das ihn befähigt, sich zu den Anderen in eines der Betten zu gesellen, im Nachthemd mit seinem Namen auf der Brust und mit angespanntem Gesicht. Auch ein Motiv, das es seinem Nachfolger glaubhaft machen könnte, dass auf den Grauen Verlass sei, während der da komatös herumläge.

Zurück. Das Leben ist also da und da langgelaufen, aber die Spuren interessieren hier nicht. Die Frage lautet: ‚Wie hat das Leben dabei navigiert und hat die Art der Navigation es zum grinsen gebracht? Hat es das alles aus Neugier getan, oder aus Raffgier?‘

Draußen kriecht ein Rasenmäher in den Ausblick des Fensters, der Grauhaarige schaut hinter seinen dürren Lidern hervor und in mein Gesicht. Die krakeligen, grünlichen Adern an seinen Schläfen rücken ein unhandliches Wort in die Erinnerung: Intimität. Die Haut des Programmleiters ist lebendiges Porzellan, der Mann ein machtvolles Wesen, freundlich und gnadenlos und das aber ganz offen und zerbrechlich, das macht es so intim. Er fragt mich pauschal nach „der Station“. Durch irgendeine Blume möchte er wohl erfahren, was ich denn dabei empfinde, Tagein, Tagaus und jeden Morgen in diesen Saal zu gehen, der mit all seinen Betten, Schläuchen, Kabeln und wahnwitzig verzerrten Leibern doch nun wirklich ‚Komastation‘ schreien könnte. Ich lecke mir die Lippen, zeige ihm, dass ich nachdenke, dass ich zu ihm und seiner heimlichen Frage halte.

Wie sieht das aus, an den Betten? Ich knete dann zum Beispiel Sannes Hand und glotze abwesend auf die Muskeln in ihren Wangen. Ich arbeite wie ein Ochse daran, mir selbst glaubhaft zu machen, dass es eben genau das nicht ist. Keine Komastation, nein, Sanne ist keine Komapatientin, ist nicht katatonisch. Sie befindet sich in einem Zustand maschinell heraufbeschworener, geisterhafter Fernwirkung. Ein ausgeschwärmter Teil der Frau ist verschränkt mit einer hoffentlich menschengroßen Region in der Nähe des Sternbildes Pegasus, wenn man in solchen Verhältnissen noch von Nähe sprechen kann. So müsste es sein, wenn alle Berechnungen und all deren apperatgewordenen Erkenntnisse zulässig sind. Ich nenne das „die Leidenschaft eines Museumswärters“ und ich meine insgeheim Mitleid. Die dünnen Augenbrauen heben sich fragend. „Also man pflegt diese ganzen Körper wie man ein Ding pflegt, dessen Zusammenhang fort ist, das seinen Zusammenhang zu vermissen scheint.

Es ist schwer, den Gesichtern in den Betten Teilnahmslosigkeit an ihrem ja recht kläglichen Zustand zu entnehmen, oder sogar zu meinen, sie seien glücklich. Natürlich, die Kontraktion der Münder ist keine Mimik, ein stiller Schrei kein Schrei und das, was Glück oder das Gegenteil empfinden könnte, ist ausgeflogen, das heißt, es ist da, ist aber eins geworden mit der Ferne. Die Gehirne haben sturmfrei, sie kommen ihren Aufgaben nicht recht nach und verwinden die Körper in Krämpfe, in der Weise, wie Pflanzen willenlos zur Sonne gewunden werden. Ich bin noch nicht ganz frei davon zu denken, diese Körper empfänden Sehnsucht.“

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20.20 Uhr: Eintreffen des Mediums im ‚Séance-Raum‘. Das Medium platziert sich im Kabinett und trinkt nochmals Wasser aus der bereitgestellten PET-Flasche. Olivier versiegelt die Türe zum ‚Séance-Raum‘. Das Medium fordert Olivier auf, die Kontrolle des Mediums im Vorbereitungsraum zu kommentieren. Olivier erläutert den Vorgang und das Resultat dieser Massnahme und kommt zum Schluss: „Das Medium ist Clean und hat keinerlei Hilfsmittel oder Gegenstände in den Séance-Raum mitgebracht, welche zur künstlichen Erzeugung ‚physikalischer Phänomene‘ eingesetzt werden könnten.“

Rotlicht

(…)

20.36 Uhr: Erneute, starke Klopfgeräusche an Schrankwand und Sichtschutz. Eine Stimme meldet sich mit den Worten: „Könnt ihr mich hören?“. Die Trance-Persönlichkeit stellt sich als ‚Hans B.‘ vor, begrüsst alle Sitzer durch das Medium Kai-Felix und heisst alle recht herzlich Willkommen.

(…)

21.21 Uhr: Die Vorbereitungen sind abgeschlossen und ‚Hans‘ teilt mit, dass sich Ektoplasma bildet. ‚Hans‘ bittet um allerherzlichsten Gesang und Beobachtung was nun passiert. Das Kabinett wird von Julia und Olivier geöffnet.

Dunkelheit

(…)

21.29 Uhr: Die Sitzer melden die Sichtung einer ganzen Hand und der Mittelfinger derselben klopft im Takt der Musik auf die ‚Plaque‘. ‚Hans‘ erkundigt sich bei den Sitzern, ob diese andere Handform für alle sichtbar ist. Die Sitzer bestätigen dies. ‚Hans‘ bittet um mehr „Energie und Gesang“.

Dunkelheit

21.32 Uhr: ‚Hans‘ überbringt einen herzlichen Gruss seiner Kollegen: „Sie sind jetzt unter euch“. Des Weiteren werde er von ihnen gedrängt, zur Rotlichtphase vorzustossen. ‚Hans‘ erhält gerade die Benachrichtigung, dass die Kollegen in der letzten Dunkelphase versuchen, auch Objekte zuzuweisen in eurem Dimensionalen Raum und diese somit zu levitieren und durch den Raum zu transportieren. ‚Hans‘ erwartet die Erlaubnis der Sitzer, welche diese lautstark erteilen.

Dunkelheit

(…)

22.24 Uhr: Julia stellt die zweite Frage: „Woher kommen die Apporte und wie entstehen sie?“.

Dunkelheit

Hans antwortet: „Liebe Julia, die Kollegen utilisieren Apporte von zwei differenten Orten. Einmal werden Dinge verwendet, die vergessen wurden und somit virtuell verschwunden sind von eurer Erdens Ebene. Solche Objekte werden genutzt, aber ebenso gelingt es uns, durch das hohe, schöpferische Potential des ektoplasmischen Feldes, sozusagen Originalteile zu rekreieren. Wir besitzen das schöpferische Muster und ganz besonders einfacher Weise dasjenige, von metallenen oder steinernen Objekten. Diese sind für uns sehr schnell und sehr einfach im ektoplasmischen Feld rekreierbar. Wir bilden also ‚Doppel‘ und nutzen diejenigen, die aus der spirituell, virtuellen Welt der Erdens-Sphäre entschwunden sind. Haben dies alle verstanden?“ Dies wird bestätigt.

22.26 Uhr: ‚Hans informiert die Sitzer: „Wir werden das Medium nun in wenigen Sekunden aus der Trance erwecken. Liebe Freunde, ich bitte euch, lasst euch nicht begrenzen von denjenigen, die euch sagen was die geistige Welt ist und was nicht. Unbegrenzte Möglichkeiten, Galaxien an Potenzen.“ ‚Hans‘ wünscht allen Sitzern einen schönen Abend.

Dunkelheit

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Wehes Leuchten im Hintergrund

Der Programmleiter hat mich darum gebeten und doch eigentlich aufgefordert – Programmleiter bitten nicht, sie fordern –, ich möge ihm Anhaltspunkte zu meinem Gemütszustand geben. Hier sitzen wir, wie jeden Tag um viertel nach zwei in seinem Büro mit knarzendem Parkett und keinen Büchern darin. Seit die Bücher den Computern gewichen sind, haben alle Räume diesen Hall, den sie einst nur beim Renovieren und bei Umzügen hatten. Der Herbst scheint matt durchs Fenster und ich soll mein Innenleben an der Nähe zu einer bestimmten Fraunhoferlinie aufhängen, sagen wir beispielsweise, 527 Nanometer, oder blass-hellgrün und nahe an der schwarzen Lücke, die verdampftes Eisen in einen Regenbogen schlägt. Der Leiter sitzt in seinem Stuhl mit Federungen in vielen Achsen. Er schwingt, wippt zum eigenen Puls oder zum Rhythmus vom Vorabend, hält mich in seinem Blick über den Tisch weg gefangen. Seinen Kopf samt dünnem Haarschnitt hat er leicht zur Seite geneigt, bewusst oder unbewusst meine eventuelle Schieflage zu illustrieren, oder unser schräges Verhältnis. Diese zarten, grauen Haare, die scharfe Kante, mit der sie abbrechen. Unter ihnen, nicht weit hinter weißer Haut und Knochen verborgen, sitzt eine Befugnis, fallen Entscheidungen über Tod und Teufel, über Gehälter und die Frage, ob man eher hier, dort, oder gar nicht tätig werden solle. Ich würde den Kopf gerne in Händen halten, sein dürres, silbriges Fell streicheln, die Berge und Hügel dieses Schädels mit den Fingern durchwandern. Spürt man „die Macht“, wenn man sie streichelt? Wohl nicht, das ist ja der Witz bei der Sache, dass man sie eben nicht zu fassen bekommt. Und wenn du jetzt weiter die Frage im Raum ignorierst, aufstehst und dich über den Tisch beugst, um diesen Kopf zu packen – wenn überhaupt, dann wird das nicht „jene Macht“ sein, dann hast du deine Finger doch nur in den Haaren eines mittelalten Herren, der, solange du ihn befummelst, von seinen großen Geistern verlassen sich zu wehren suchen wird.

„Also?“ fragt er. „Fluoreszierend“ sage ich. Dass ich mich langsam auf ein Rosa zubewege, halte ich noch zurück. Ein Neonrosa, also etwas Freundliches, aber mit grausam strahlendem Hintergrund. Da leuchtet etwas Kaltes nach, leuchtet durch die lieb gewonnene Farbe hindurch und lässt sie flirren. Sexy auch, freundlich und abgründig. Der Kopf des Leiters korrigiert sich in die Senkrechte, er will wissen, welche Farbe und was ich mit dem Fluoreszieren meine. „Kaltes Leuchten“, im Stoff meines Gemüts glimmen Reste eines verwandten und scheinbar gegensätzlichen Zustandes, „aber nun gut, Neonrosa.“

Jetzt ist der Graue zufrieden, hat bekommen was er wollte und breitet in brüderlichem Ton aus, dass ja Rosa eben nicht mit Nanometern zu fassen sei, weil es doch eine Mischung aus Rot und Blau sei und so fort und dass wir, als Wissenschaftler uns ja selbstredend im Klarem wären, wie vielschichtig und unverwaltbar unsere Gemüter bei Zeiten sein könnten. Scharfe Linien für Eisen, Sauerstoff und Helium, ja, das schon, aber keine Linien für Holz, Glück und Trauer.

Ausgeflogene Geister

Heute morgen war ich in der Andromedaschranke. Das gehört zur Ausbildung, wir sind alle angehalten, dort, oder in einem der anderen Zielgebiete jeden Tag ein paar Stunden zu verbringen. Wir müssen die verschränkten Gestalten aushalten können, an ihren Betten sitzen, sie wickeln, ihre verkrampften Hände und übrigen Gliedmaßen massieren. Den Kiefer auch und wir müssen die Elektroden in ihren Kopfhauben feinjustieren, ob nicht doch irgendetwas jetzt schon messbar wäre. Deshalb dürfen wir unseren Orakeln keine Geschichten vorlesen, keine Lieder singen, sie nicht dort streicheln, wo es aufregend ist. Wir müssen es aushalten, Monate, ein Jahr, zwei Jahre lang vergebens auf ein Flüstern vom anderen Ende der Wahrnehmung zu warten. Und müssen vor allem die Frage aushalten, ob wir wirklich ihre Plätze einnehmen wollen, bevor wir eines Tages mal werden dürfen wie sie. In diesem zweiten Stock, im langen Saal und einander gegenüber liegen 50 Kollegen, oder eben solche, die es durch die Ausbildung geschafft haben. 50 luftgepolsterte Betten mit nicht wachen, nicht schlafenden Reisenden, ihr Stoffwechsel samt flüssigen Abfalls über Schläuche und Drähte von Maschinen reguliert, alle in mehr oder weniger vielversprechende Gebiete unserer Nachbargalaxie projiziert. Daneben wir Anwärter auf Hockern, ihre Zustände zu studieren, um selbst regelmäßig nachmittags überprüft zu werden auf Sorgen und Realismus im Umgang mit dem halb weltlichen, halb außerweltlichen Zustand.

Da lag eine Frau vor mir, um die Ende 30, mit ihrem Vornamen auf das Nachthemd gestickt. Ich hätte Alter und den Nachnamen von ihrem Armband ablesen können, aber ich fand das zu intim. Sie lag hier ja nicht wirklich, war nur zur Hälfte, oder nur durch einen, zu zwei Dritteln automatisierten Körper anwesend. Mich weiter mit ihrer so entfernten Persönlichkeit zu befassen, kam mir voyeuristisch vor. Nicht viel anders als ein Stalker, der heimlich die bloßgelegten Anteile irgendwelcher Nachbarn sammelt. Von Sanne lag hier in verzerrter Haltung und still eine Hälfte, die sich nicht auf ihre Glieder, Organe oder dergleichen bezog. Lag da, wie die 49 Anderen in einem selbstmitgebrachtem Kleidchen und mit einheitlicher Schrifttype für „Sanne“ – auch zu intim, ich werde keinen Spitznamen auf der Brust tragen wollen. Ihre hiesige Hälfte in den spastisch zerknitterten Händen, Mundwinkeln und Stirnfalten. Sanne in komatöser Teilnahme an diesem Saal mit Linoleum auf dem Boden, Raufaser an der Wand und einer dicken Plastikleiste mit allerhand Anschlüssen über den Betten. Eine andere Hälfte von ihr mag in einem Gesteinsbrocken, in einem eventuellen Gewächs, oder sogar in einem vernunftbegabten und jetzt seiner selbst verlustig gegangenen Lebewesen stecken, aus dem, Millionen Lichtjahre von hier Sanne in die ferne Welt schaut, nicht weiß, wie ihr geschieht und wie der fremde Körper funktioniert. Das, oder ein anderes Stück Materie, unmittelbar heute Morgen und noch knapp eineinhalb Millionen Jahre lang unsichtbar, während ich versucht habe, den linken Mittelfinger aus seinem unguten Winkel zu holen. Das heißt, wenn Sanne Glück hat. Hat sie Pech, ist sie ins Leere geschickt worden. Das ist traurig und sehr wahrscheinlich. Jene andere Hälfte wird in den meisten Fällen eben nicht mit etwas Handfestem verschränkt, das um relativ wenige Ecken unserer Erfahrung zugänglich wäre. „Sie müssen davon ausgehen, dass sie – gesetzt den Fall, sie schaffen es durch die Auswahl – zerstreut werden und mit zahllosen, mutterseelen einsamen Teilchen im großen, dunklen Nichts zwischen den leuchtenden Inseln der Galaxie vermählt werden. Ja, sie müssen davon ausgehen, dass unsere Instrumente zu ungenau sind, um sie überhaupt erfolgreich in einen Bereich zu bringen, wo auch nur irgendetwas sich ihrer annehmen könnte, sie in es fahren könnten, wie ein fremder Geist in ein Orakel oder dergleichen.“

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ankunft: rauschen, wirrwarr, aus

Wenn es dann soweit wäre, würden wir auf den einfühlsamsten Kanälen zuerst ein langdehntes Knistern hören, wobei wir uns nicht sicher sein könnten, ob es ein äußeres Knistern wäre, oder ein Inneres. Eines, das wir zum Beispiel vor lauter Ungeduld und mit Hilfe von Gänsehaut im Gehörgang hergestellt hätten. Oder eine Erinnerung, die uns zum gegebenen Anlass recht gut in den Kram passen würde und die wir also für voll nehmen und eben für dieses Knistern verantwortlich machen würden. Fest steht, dass man so etwas entweder kommen hört, oder man bemerkt es erst, wenn es da ist, einen aus dem Schlaf reißt. Nein, man wird es nicht sehen und unsere Nasen sind ohnehin zu mickrig, uns durch etwas Anderes als Mahlzeiten, Feuer und Scheiße zu lenken. Zurück zu dem Geräusch, dem echten, oder dem, das in stiller Ahnung hervorgekramt würde.
Dieses Geräusch wäre, im Gegensatz zu dem was auf es folgen soll, sehr fein, zart wie das Knistern einzelner Sandkörnchen, wenn sie auf ein Blatt Schreibmaschinenpapier fallen, oder ein leiser Hauch vom gegenüberliegenden Arm der Milchstraße. Greise Teilchen, die hunderttausend Jahre gereist sind, streunend oder als Vorboten von etwas sehr sehr Altem. So ein Hauch verwirbelt sich im besonders empfindsamen Wangenhaar derer, die wenige Sekunden vor ihrem Nervenzusammenbruch stehen. Weil man solchen Leuten nicht über den Weg traut, beschuldigt man sie des Halluzinierens oder dergleichen, während tatsächlich dieser galaktische oder eben doch nur schrecklich irdische Hauch über ihre Gesichter weht. Die dichtgedrängte Empfindung des Windes oder Knisterns, der eintreffenden Vorhut, läge an der beschleunigten Wahrnehmung ihrer Empfänger. Man kennt das ja: wenn´s dramatisch wird, verfeinern sich die Eindrücke, die Lücken im Blick, im Hören, im Streichen des Fingers über die eigene Haut verschwinden, man nimmt das alles und ohne Sprünge auf, weil es ja das Letzte sein könnte, was man tut. Und so macht es Sinn, die weit auseinander gezogenen Einschläge loser Bestandteile eines wohl Ganzen zu einem Knistern zusammenzufassen.
Unsere gemeinten Zuhörer rekrutieren sich also aus den Randgebieten der Gesundheit, aber auch aus der Hundeschaft. Der weggesperrte Köter jault dann „wider das Ende“ oder dafür, weil es sein Herrchen mit in den Tod reißen wird. Und Struppi sehnt sich nach der Wildnis in den Städten, nach früher oder nach dem Süden, wo oder als die Köter keinen Chip unter der Haut trugen, in Rudeln die Gossen nach dem besseren Leben befragten.
Wer gesund ist und in Lohn und Brot sitzt, hat seine Sinne aus derart unproduktiven Gefilden längst abgezogen und wird wohl oder übel von dem, was da kommt überrollt und das eben ohne Ankündigung. Also richten wir unsere Betrachung auf die Verrückten auf dem Parkplatz, auf Arbeitslose, auf Rentner und auf den Fischwart im Zoo. Die Kinder wollen wir heute ausklammern, weil wir ihrer Sprache nicht mächtig sind und somit schwerlich ein Vertrauensverhältnis mit ihnen errichten könnten.
Wir wollen auch unbeachtet lassen, dass sich die Haare und Federn der übrigen Tierwelt aufstellen würden, dass ein Nationalpark im angestrengten Lauschen verstummt und die Erdmännchen in Afrika einen Kreis bilden, sich nach links wiegen und nach rechts, nach links und nach rechts und immer fort.

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Es war gewalttätig, wie dieser Mann in der U-Bahn mit einem Pferdeschwanz und müdem Blick über das Glas seines Telefons gewischt hatte. Als könnte der wütende Gestus seiner Fingerspitzen dem kleinen Prozessörchen im Gerät Beine machen, es zur Eile treiben. Die Frau daneben – eine Verbündete, seine Frau und er ihr Mann? – kam ihm zur Hilfe, weniger aufgeregt, eben eine hinzugezogene Helferin, auch mit den Fingern am Glas und dem Ackernden etwas zuflüsternd, konzentriert und mit stierem Blick aufs Licht in ihrem Schoß. Ganz klar, die beiden befanden sich in einer Ausnahme. Eine Unterstellung besagt, dass solche Gemeinschaft sich nur in Ausnahmen bilde, dass solche Gestalten mit schlechter Haut, ausgezehrten Körper und Kleidern, die mit keiner Sozialversicherung in Einklang zu bringen seien, von einer Ausnahmesituation in die nächste taumeln und sie damit kaum als Orakel für nahende Ereignisse von allgemeinerer Brisanz als der ihnen eigenen taugen. Dann wiederum kennen wir doch den Bericht vom sowjetischen Hauptmann, dessen Messgerät vom Beruf her paranoid war und hoch geschätzt. Es hatte einzig den ängstlichen Blick Richtung Horizont zur Aufgabe und sollte eines Morgens den Sonnenaufgang mit Atomraketen verwechseln. Es gemahnte den Soldaten zum dritten Weltkrieg. Vierzig Jahre lang und eigentlich heute noch stiert was Macht besitzt gen Horizont und sucht nach finstren Wolken. Der Leutnant hat dann auf Abruch gedrückt, weil er nicht sterben wollte. Hat er gut gemacht und ist gefeuert worden. Was das bedeuten soll? Verlass dich auf die Zarten, aber besitze selbst die Zartheit, ihre vielen Aufregungen zu unterscheiden. Die beiden Kaputten in der U-Bahn waren ein Indiz aber kein Garant. Sie sind bald ausgestiegen, mit Engagement im Gang, zielstrebig zum nächsten Schuss, oder Vorkehrungen zu treffen für was da kommen würde.

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So sitzen und liegen wir, wenn wir es uns leisten, oder nicht anders können, und horchen angestrengt. Die Brösel verdichten sich allmählich zu einer flächigeren Erscheinung, erste Gerüchte kursieren in deren Peripherie und als wollte man es nicht wahrhaben, bauscht man Nebensächliches zum großen Thema auf, zum erträglicheren Ersatz für das eigentlich Bevorstehende. Das Augenmerk richtet sich typischerweise auf eine Aktie, ein zum Verkauf stehendes Land, auf die xte Revolution in Arabien oder in einer Benutzeroberfläche. Dabei hat man doch längst bemerkt: es muss sich etwas in dem jetzt schon deutlichen Rauschen, oder dahinter verbergen. Jetzt schließen die ersten unter den wenig erschütterungswilligen Technokraten ihre Augen, recken den Kopf ein Stück nach vorne und nach oben, ganz wie jene sensiblen Gestalten vom Rand, und als würde das die Ohren feiner machen, lassen sie dazu ihre Gesichter in sinnliche Schlaffheit fallen. Was ist es für ein Geräusch? Eieiei, handelt es sich am Ende nur um das Funktionieren oder den Todeskampf eines wertvollen, elektrischen Apparates? Um etwas zum Verscheuchen der Mücken, oder um etwas harmloses aus der Fremde, zum Beispiel um Musik? Es ist näher gerückt, wenn man von rücken sprechen mag und doch eigentlich geisterhafte Annäherungen meint. „Es beschleicht mich ein Gefühl“ dürfte man sagen und damit den Tatsachen eher beikommen.
Die Hunde jaulen inzwischen auch tagsüber, rennen im Kreis übers Parkett und den fleckigen PVC, folgen ihrem Instinkt, sich einzugraben. Sie suchen spiralartig die Tiefe einer Mulde, oder den Einklang mit unserer ignoranten Galaxie. Deren Wind peitscht jetzt förmlich das Wangenhaar einer eigentlichen Katatonikerin in ihrem Bett. Sie hält sich an der Matratze fest, lässt die Tränen davonwehen und lächelt im Sturm. Sie wartet, wie die Erdmännchen in ihrem Kreis und ein Alter an seinem Resopaltisch in der Küche auf den möglichen Inhalt der tosenden Ankunft.

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Dummes Gefühl angesichts des nächsten Monats: wie soll das laufen? Wir werde gemeinsam aufstehen, Kaffee trinken, knutschen, uns Wärme geben oder wasimmer für den Rest des Tages und dann gehen wir arbeiten bzw. einer von beiden geht, während die andere Person zu Hause in der Werkstatt bleibt. Ist das bezaubernd? Ja, ist es und wann hört der Zauber auf? Das heißt, die eigentliche Frage ist doch, möchte man es miterleben, wie die Magie abstirbt, oder murkst man sie lieber und um das Heft in der Hand zu behalten selbst ab? Selbst wenn die ins Gefühl vorgedrungen ist und sich als Praktikerin verkleidet, ist das doch nur Theorie. Die Erfahrung soll kurz darauf zeigen, dass all der Zauber unbenannt bleibt, sich den Begriffen und folglich auch deren Alter, oder Blauäugigkeit entzieht. Im Gefühl dann wieder: Ankunft, Heimat-Hormone, Erfüllungs-Chemie.

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Die Zeichen verdichten sich weiter, der Rand der Gesundheit flirrt, geht, rennt, fährt mit dem Fahrrad aufgeregt durch die Straßen seiner Städte, oder dessen, wo er sich gerade befindet. In den Zentralen von Geheimdiensten, in jenen Räumen tief im Innern abweisender Gebäude herrscht ähnliche Unruhe, kurz vor einem nächsten Anschlag. In Form gehalten wird das dort einzig von Gehaltsbezügen und von der Professionalisierung, die solche ihren Empfängern bescheinigt. Wenn man weiß, das es gleich kracht, nur nicht sicher ist, wo das stattfinden soll, wird die Seele unruhig. Sie ist ortloser als man meinen möchte und verbindet sich mit Gegenden und Leuten, die man in bewussteren Momenten gerne fremd heißen würde. Nicht immer freilich, das heißt nur dann, wenn man so eine Vermittlerin besitzt und sie einem nahelegt, dass das alles zusammengehöre, wir und die Anderen und die ganze Erdoberfläche und dass vielen der so gesehen eigenen Sorte gleich auf´s mieseste der Boden unter den Füßen weggezogen würde (oder er ihnen auf den Kopf fällt). Im sicheren Raum im Untergschoss wird das zusammengehalten, an der ungeschützten Oberfläche aber wirres Gerenne. Wir hören etwas, manche mehr, andere weniger, aber wir können die Stücke nicht zusammenfügen. Oder wir wollen das nicht, wollen das Rauschen, aber nicht dessen Ursache. Hat denn das Gute Vorboten? Natürlich riecht der Frühling nach aufgetauter Hundescheiße, noch bevor er tatsächlich eingetreten ist. Wenn zwei sich ineinander verlieben, machen sie Witzchen, weil sie wissen, dass es bald ernst wird und ihre Freundeskreise tuscheln darüber. Wird ein neues Telefon erwartet, dann knistert es auch im Voraus. Weil aber der Erfahrung nach nichts Gutes geschieht, das weltbewegend ist, sind alle übrigen Vorboten – und wenn sie auch noch so zart und unbestimmt daherkommen – fürchterlich. Vielleicht, weil Mord und Totschlag schlecht sind und man sich darauf geeinigt hat, aber nichts kennt, das über diverse Grenzen hinweg gut wäre.


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Inzwischen und weil wir uns auf eine bestimmte Wellenlänge geeinigt haben werden, kriecht das Rauschen tatsächlich aus unseren Lautsprechern, ein völlig selbstgewähltes Geräusch am Telefon teilt uns mit, wir hätten Nachricht. Das kleine Gerät schreit, oder wir sind sensibel geworden. Haben wir es am Ende in unseren Bann gezogen, es und die fernen Absender dazu gezwungen, zu tun, was es uns antun wird? Wer sich beobachtet fühlt, ist zu Entschiedenheit gedrängt. Man nimmt sich dann in den Arm und würgt einander.


Keine Nachrichten waren in unserem Fall noch immer gute Nachrichten. Jetzt kommt da was zurück. Misstrauen, es lauert etwas im Busch, weinend und mit einem Messer, dann singen wir unser letztes Lied, dann kehrt Stille ein.

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